Von Schlaining bis in den Norden Europas

Mammut-Radtour

Die Strecke nach Rom, Paris, Athen, Lissabon, Berlin oder Istanbul hat Ernst Artner mit seinem Rennrad bereits bezwungen. Jetzt wartet auf den Schlaininger seine bisher wohl größte Herausforderung: 3.800 Kilometer und mehr als 21.000 Höhenmeter bis zum Nordkap – in maximal 16 Tagen.

Von Bertie Unger

Berlin, Rom oder Istanbul waren für Ernst Artner schon einmal eine Reise wert. Nun geht es für den Schlaininger in maximal 16 Tagen bis rauf ans Nordkap.

Berlin, Rom oder Istanbul waren für Ernst Artner schon einmal eine Reise wert. Nun geht es für den Schlaininger in maximal 16 Tagen bis rauf ans Nordkap.

© Karin

Manche Menschen fahren auf Urlaub, Ernst Artner fährt ans nördliche Ende Europas. Am Samstag, 18. Juli, startet der gebürtige Schlaininger um 6 Uhr früh bei der Burg Schlaining zu seiner „Mission Nordkap“. Ziel ist der nördlichste mit dem Fahrrad erreichbare Punkt Europas. Dazwischen liegen 3.800 Kilometer, rund 21.200 Höhenmeter und maximal 16 Tage, in denen der Ausdauersportler die Strecke bewältigen will. Es ist die größte sportliche und mentale Herausforderung seiner bisherigen Laufbahn.

„Hinter dem Projekt steckt monatelange Vorbereitung. Training, Streckenplanung und Material wurden bis ins Detail abgestimmt. Denn bei einer Tour dieser Dimension kann jede Kleinigkeit entscheidend werden“, sagt Ernst Artner. Denn schon lange vor dem eigentlichen Start geht es darum, Abläufe zu planen, das Fahrrad optimal abzustimmen und sich körperlich auf die enormen Belastungen vorzubereiten.

„Ich habe mich über Monate hinweg akribisch auf dieses Projekt vorbereitet – sowohl körperlich als auch bei der Streckenplanung und der Optimierung meines Equipments. Nach meinen Ultratouren nach Rom, Paris, Athen, Lissabon, Berlin und Istanbul zieht es mich wieder auf die Straße. Es ist eine Aufgabe, die mich ganz sicher wieder an meine körperlichen und mentalen Grenzen führen wird und vielleicht etwas darüber hinaus“, sagt Artner.

Die Route führt zunächst über Wiener Neustadt nach Wien und weiter durch Tschechien und Deutschland bis Rostock. Von dort geht es mit der Fähre nach Dänemark, weiter über Kopenhagen nach Schweden und schließlich bis nach Stockholm.

Dort wird erstmals deutlich, welche Dimension diese Tour tatsächlich hat. Nach rund 1.800 Kilometern ist noch nicht einmal die Hälfte geschafft.

Von Stockholm führt die Strecke weiter entlang der schwedischen Ostseeküste über Gävle, Sundsvall, Umeå und Piteå. Kurz vor Luleå verlässt Artner die Küste und fährt Richtung Finnland. Dort werden die Abstände zwischen den Ortschaften immer größer, ehe er bei Kolari die Grenze nach Finnland erreicht und anschließend durch die Weite Lapplands bis nach Norwegen fährt. In Alta plant er seinen letzten Halt, bevor am Schlusstag noch einmal rund 250 Kilometer und etwa 2.500 Höhenmeter bis zum Nordkap warten.

Mit jedem Kilometer Richtung Norden verändert sich aber nicht nur die Landschaft. Die Besiedelung wird immer dünner, Versorgungsmöglichkeiten werden seltener und jede Entscheidung gewinnt an Bedeutung. Während im Süden Europas noch zahlreiche Alternativen bestehen, können im hohen Norden Tankstellen, Unterkünfte oder Einkaufsmöglichkeiten mitunter viele Kilometer auseinanderliegen. Auch das macht diese Tour zu einer besonderen Herausforderung.

Wer glaubt, dass allein die Distanz das Schwierige an dieser Tour ist, irrt. Aus seinen bisherigen Extremfahrten weiß Artner längst, dass nach den ersten Tagen weniger die Beine als vielmehr der Kopf entscheiden. Müdigkeit, Schlafmangel und Schmerzen werden zu ständigen Begleitern. Gleichzeitig können Hitze, Regen, starker Gegenwind oder Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt die Belastung zusätzlich erhöhen.

„Die eigentliche Herausforderung ist neben der enormen Distanz die Summe aus Erschöpfung, Schlafmangel, der eigenen Psyche und dem Wetter, das von Sommerhitze im Süden über Gegenwind bis hin zu Dauerregen und Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt im hohen Norden alles zu bieten hat“, beschreibt Ernst Artner.

Für den Schlaininger liegt genau darin der Unterschied zwischen einer langen Radtour und einem echten Ultraprojekt. Die körperliche Verfassung ist nur ein Teil der Aufgabe. Ebenso wichtig ist es, den eigenen Rhythmus zu finden, Rückschläge wegzustecken und auch an schwierigen Tagen den Fokus nicht zu verlieren. Jede Etappe beginnt aufs Neue, unabhängig davon, wie anstrengend der Vortag war. Gerade diese Mischung aus körperlicher Belastung und mentaler Stärke macht für Artner den besonderen Reiz seiner Expeditionen aus.

„Gerade diese Grenzerfahrungen machen den Reiz solcher Expeditionen aus. Jeder Tag beginnt mit müden Beinen, jeder Tag verlangt aufs Neue höchste Konzentration und Disziplin“, sagt der Schlaininger. Die Erfahrungen seiner bisherigen Touren helfen ihm dabei, mit schwierigen Situationen umzugehen. Gleichzeitig weiß er aber auch, dass jede neue Strecke ihre eigenen Herausforderungen bereithält und sich nicht mit früheren Erfolgen vergleichen lässt.

„Es geht darum, den Körper effizient zu steuern, die Belastung gezielt zu managen, Schmerzen auszublenden und den Fokus aufrechtzuerhalten. Jeder Tag beginnt mit müden Beinen. Und jeder Tag endet mit der Gewissheit, am nächsten Morgen wieder auf das Rad zu steigen und die nächsten 260 bis 300 Kilometer abzuspulen. Aber genau darin liegt für mich der Reiz dieser Mission“, sagt der Schlaininger.

Wie schon bei seinen vergangenen Projekten möchte Artner auch diesmal möglichst viele Menschen an seinem Abenteuer teilhaben lassen und regelmäßig von unterwegs berichten.

„Ich möchte euch wieder auf diesem Weg mitnehmen. Nicht nur zu den spektakulären Bildern und den beeindruckenden Landschaften des Nordens, sondern vor allem zu den echten Momenten, in denen sich zeigt, was Wille und Ausdauer möglich machen können“, sagt Ernst Artner.

Wer den Start live miterleben möchte, hat dazu am Samstag um 6 Uhr bei der Burg Schlaining Gelegenheit. Danach liegen 3.800 Kilometer zwischen Ernst Artner und seinem großen Ziel. Oder, wie er selbst zum Abschluss seiner Aussendung schreibt: „Ich vertraue auf meine Stärken und Gottes schützende Hand auf diesem langen Weg.“