Bischof Zsifkovics: „Niemand kann sich an Ostern vorbeischwindeln“

BVZ-Interview

Zu den Feiertagen steht für Bischof Ägidius Zsifkovics der Höhepunkt des Kirchenjahres im Mittelpunkt – seinen eigenen Geburtstag stellt er da hintan. Im Oster-Interview mit der BVZ spricht der Diözesanbischof über den Frieden im Großen und Kleinen, und darüber, warum in der Politik dennoch gestritten werden darf.

Von Wolfgang Millendorfer

Ostergruß mit original Stinatzer Eiern im Bischofshof. Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics sendet im Rahmen des BVZ-Interviews auch seine Ostergrüße an die Leserinnen und Leser: „Unsere Welt braucht uns, die Zeugen der Auferstehung, die österlichen Menschen.“

Ostergruß mit original Stinatzer Eiern im Bischofshof. Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics sendet im Rahmen des BVZ-Interviews auch seine Ostergrüße an die Leserinnen und Leser: „Unsere Welt braucht uns, die Zeugen der Auferstehung, die österlichen Menschen.“

© Wolfgang Millendorfer

BVZ: Das Osterfest wird auch mit der Friedensbotschaft begangen – die Auferstehung von den Toten als Symbol für die Überwindung des Hasses.
Wie sehen Sie die Botschaft im Licht der weltweit eskalierenden Konflikte?

Bischof Ägidius J. Zsifkovics: Diese Bedeutung von Ostern wäre eine verkümmerte Aussage. Wir dürfen Ostern und auch das Weihnachtsfest nicht auf ein Fest des Friedens reduzieren. Das ist viel zu wenig und nichtssagend, auch wenn die Sehnsucht nach Frieden übergroß ist.

Die ganze Menschheitsgeschichte ist eine Sehnsuchtsgeschichte nach Frieden. Ostern aber ist das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Ohne seine Auferstehung sind wir dem Tod verfallen, der Zukunftslosigkeit und dem Zufall ausgeliefert.

Nicht nur weltweit, auch in unserer Gesellschaft hat die Spaltung zugenommen. Wie kann der „Frieden im Kleinen“ – etwa mit mehr Ruhe und Gelassenheit im Miteinander – gelingen?

Bischof Zsifkovics: Unsere Welt ist immer eine geschundene, verstrickt in das Böse, nie frei von Schuld und Sünde. Das müssen wir einfach zugeben. Aber ich wehre mich mit Entschiedenheit dagegen, zu sagen, dass unsere Welt von heute eine schlechtere ist. Jene, die das behaupten, kennen weder die Gegenwart, noch die Geschichte.

Wir neigen immer zu Oberflächlichkeiten, wenn es um komplexe Lebenszusammenhänge geht. Unsere Welt heute ist nicht schlechter, sondern komplexer. Deshalb darf unser Suchen nach Leben, Erfüllung und Sinn, nach Barmherzigkeit, Demut, Wahrhaftigkeit und Achtsamkeit, das Ringen um Solidarität und ein gutes Miteinander nie aufgegeben werden.

Wo sehen Sie Vorbilder für dieses Miteinander?

Bischof Zsifkovics:Es gibt viele gute Menschen, stille Vorbilder, große Lebensentwürfe – sie alle werden in den Medien kaum beschrieben. Ich begegne Kindern in Kindergärten und Schulen, jungen Menschen in den Mittel- und Berufsschulen und Gymnasien, Erwachsenen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, unzähligen Ehrenamtlichen, alten Menschen, die mit Geduld ihre zunehmende Gebrechlichkeit tragen, Leidenden und Kranken, die am Leid nicht verzweifeln und zerbrechen. Wie viele großartige Menschen! Sie alle sind Zeugen des Auferstandenen.

Bischof Zsifkovics: „Niemand kann sich an Ostern vorbeischwindeln“

© Wolfgang Millendorfer

Sie haben am Mittwoch Geburtstag gefeiert, dazu dürfen wir noch ganz herzlich gratulieren! Was wünschen Sie sich persönlich, und was im Namen der Kirche?

Bischof Zsifkovics: Die Erinnerung an den Geburtstag hat bei uns eine kurze Tradition. Gefeiert wurde der Namenstag in Dankbarkeit für unsere Namenspatrone und manchmal auch der Tauftag. Der Geburtstag ist nicht wichtig, wohl aber der Dank den Eltern gegenüber und der Dank Gott gegenüber an diesem Tag.

Und der Dank an alle Menschen, die mit mir Schritt halten. Ohne Freundschaft erstickt der Mensch und verfällt in die Einsamkeit. Diese überzogenen Geburtstagspartys sind auch eine Form überzogener Selbstliebe.

Werden Sie Ihren Geburtstag vielleicht im Stillen und auch im Rahmen des Osterfestes begehen?

Bischof Zsifkovics: Zufällig ist dieser Tag mit der Chrisam- messe zusammengefallen, bei der die Diözesanbischöfe mit ihren Priestern in der jeweiligen Bischofkirche die heiligen Öle für die Spendung der Sakramente weihen. Es gibt kein schöneres Geschenk. Und außerdem hätte an diesem Tag auch der verstorbene Papst Benendikt XVI. seinen Geburtstag gefeiert, er hat mich zum Diözesanbischof von Eisenstadt ernannt.

Welche kirchlichen Höhepunkte stehen in der Diözese zu Ostern bevor?

Bischof Zsifkovics: Ostern ist die größte Feier für die Christen und der Geburtstag der Kirche. Ohne Ostern gibt es keinen Glauben, keine Christen und keine Kirche. Die Leidensgeschichte und die Osterevangelien sind keine fromme Erzählung, kein Heimatroman und keine wissenschaftlichen Berichte. Sie sind wirklich, Ostern geschieht heute, unter uns und mit uns. Und Ostern lässt niemanden unberührt.

Wenn es um das Wirkliche des Lebens geht, dann können wir uns an Ostern nicht vorbeischwindeln. Ostern ist das Fest des Lebens. Christus hat das Leid nicht abgeschafft, aber er hat es überwunden, in ihm hat Gott uns alle erlöst. Von Palmsonntag bis Ostersonntag spannt sich der dramatische Bogen der Hoffnung und in der ganzen Osterzeit feiern wir, wie an allen Sonntagen, das Fest der Auferstehung.

Wir befinden uns im Heiligen Jahr, das unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“ steht. Wie sehen Sie die bisherige Bilanz dieses Heiligen Jahres?

Bischof Zsifkovics: Bilanzen schreiben Wirtschaft und Industrie, derzeit leider nicht nur gute. Wenn es aber um das Leben geht, dann treten Bilanzen und Zahlen zu kurz. Die Hoffnung des Menschen lässt sich auch nicht auf ein Jahr begrenzen oder nur im heurigen Heiligen Jahr der Kirche festzementieren. Als Kirche und Diözese setzen wir kleine Schritte: Neben der Bischofskirche in Eisenstadt gibt es vier Jubiläumskirchen, die Basiliken Frauenkirchen, Güssing, Loretto und die Pfarr- und Wallfahrtskirche Lockenhaus.

Für junge Menschen werden besondere Akzente gesetzt, wie der „Kreuzweg extrem“ vor einigen Tagen oder der Weltjugendtag in Rom. Es gibt im Herbst eine Diözesanwallfahrt nach Rom, andere Wallfahrten zu den Jubiläumskirchen und über allem steht das Wort der „Versöhnung“. Das Sakrament der Buße darf nicht vergessen werden, Vergebung lässt hoffen.

Hoffnung ist eine Grundmelodie des Lebens und besonders der Christen. Wir hoffen auf und beten für Priester- und Ordensberufungen in gemeinsamer Anstrengung. Ohne diese Berufungen würde unsere Gesellschaft verarmen. Hoffnungslosigkeit und christliches Leben wären ein Widerspruch. Deshalb sind Christen Zeugen der Hoffnung, auf Zukunft hin, das heißt: auf Gott hin angelegt.

Bischof Zsifkovics: „Niemand kann sich an Ostern vorbeischwindeln“

© Wolfgang Millendorfer

Um die Gesundheit von Papst Franziskus gab es zuletzt große Sorge. Wie haben Sie diese doch auch schweren Tage und Wochen innerhalb der Kirche erlebt?

Bischof Zsifkovics: Papst Franziskus ist immer für Überraschungen gut und seine prophetische Stimme wird in der ganzen Welt gehört. Auch in seiner Krankheit und in seinem Leiden setzt er Zeichen, die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nicht nur in der Kirche.

Er ist sicher einer der ganz Großen in unserer Welt, die diese ungeschminkte Stimme notwendig braucht. Er hat unserer Kirche viel Hoffnung gegeben, er hat uns zur Zukunft ermutigt, er setzt immer Entscheidungen, die viele den Atem anhalten lassen. Und er fürchtet den Widerspruch nicht.

Ein kurzer Schwenk zur Politik: Bei unserem letzten Interview zu Weihnachten gab es noch keine Einigung zur Bundesregierung, und im Burgenland lief der Wahlkampf. Jetzt gibt es neue Regierungskonstellationen. Kann damit in der Politik aus Ihrer Sicht wieder mehr Ruhe und – wie eingangs angesprochen – mehr Frieden einkehren?

Bischof Zsifkovics: Ruhe und Stillstand sind kein Gradmesser politischer Verantwortung. In der Politik darf und muss auch gestritten und zusammengestritten werden, es darf verschiedene Denkansätze und Meinungen geben und Unterschiede in den Parteiprogrammen. Aber immer muss der Mensch im Mittelpunkt stehen, nicht die eigene Partei und nicht der selbstverliebte Blick auf Meinungsumfragen.

Wie Politik sein kann, erleben wir derzeit dankbar in Österreich; wie sie nicht sein sollte, zeigen uns der Unberechenbare auf der anderen Seite des Atlantik, der Aggressor im Osten und die Diktatoren, die Menschenverachter und Menschenausbeuter überall auf der Welt.

Bischof Zsifkovics: „Niemand kann sich an Ostern vorbeischwindeln“

© Diözese Eisenstadt, Rupprecht, Gerald Gossmann

Wie gestaltet sich das Zusammenwirken mit der Landesregierung unter der neuen rot-grünen Koalition?

Bischof Zsifkovics: Die Kirche hat eine gesellschaftspolitische Verantwortung wahrzunehmen und muss sich immer für die Würde des Menschen und des Lebens, für die Bewahrung der Schöpfung, für die Bildung der jungen Menschen, für die Wissenschaft, für Solidarität und für die verantwortungsvolle Sorge für die Kranken und Alten einsetzen.

Wir tragen gemeinsam Verantwortung: die Regierenden im Land, die Sozialpartner, die Kammern, die sozialen Einrichtungen, die Schulen, Spitäler und Hochschulen. Für das Miteinander in unserem Land bin ich sehr dankbar, jedes Gegeneinander würde uns im Burgenland aufreiben.

Dürfen wir, in guter Tradition, zum Abschluss des Interviews auch noch um eine Osterbotschaft an unsere Leserinnen und Leser bitten? Auch die BVZ wünscht Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

Bischof Zsifkovics: Christus ist auferstanden! Er lebt mitten unter uns! Verzweiflung und Tod haben keinen Platz in unserem Leben. Unsere Welt braucht uns, die Zeugen der Auferstehung, die österlichen Menschen. Allen Leserinnen und Lesern der BVZ und darüber hinaus allen Menschen in unserem Burgenland ein gesegnetes und frohes Osterfest!