Geduld brauchen Verkehrsteilnehmer in den nächsten Wochen: Entlang der Bahnstrecke zwischen Wulkaprodersdorf und Schützen am Gebirge finden Bauarbeiten statt.
Sie kamen, um Geschichte zu verstehen
Sommerakademie
37 junge Menschen aus sieben europäischen Ländern beschäftigten sich bei der Paneuropäischen Sommerakademie in Sopron mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Am Ende der Woche standen sie dort, wo 1989 in St. Margarethen Geschichte geschrieben wurde: am „Tor zur Freiheit“.
Die Gruppe der 37 ausgewählten Jugendlichen mit Vortragenden und Zeitzeugen. Gemeinsam gelingt es, dem Vergessen entgegenzuwirken und an einer friedlichen Zukunft zu arbeiten, die im Kleinen beginnt.
© Ossi Halwax
Für 37 junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren war Europa eine Woche lang mehr als ein geografischer Begriff. Sie kamen aus Ungarn, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Österreich, den Niederlanden und Polen nach Sopron, um sich mit einem Kapitel europäischer Geschichte auseinanderzusetzen, das für ihre Generation weit zurückliegt und doch bis heute nachwirkt.
Die Paneuropäische Sommerakademie des deutsch-ungarischen Jugendwerks widmete sich dem 37. Jahrestag des „Paneuropäischen Picknicks“. Eine Woche lang beschäftigten sich die Jugendlichen in Workshops und Arbeitsgruppen mit dem Eisernen Vorhang, der Teilung Europas und den Ereignissen von 1956 und 1989. Sie hörten Vorträge, erarbeiteten gemeinsam Projekte und begegneten Menschen, die diese Geschichte nicht aus Büchern kennen, sondern selbst erlebt haben.
Aus Geschichte wird Erinnerung
Einer, der sich seit Jahren intensiv mit dieser Erinnerung beschäftigt, ist Wolfgang Bachkönig. Der pensionierte Chefinspektor der burgenländischen Polizei und Autor mehrerer Bücher, sowie der Broschüre „Ein Riss in der Vergangenheit“, hält jedes Jahr einen Vortrag zu diesem Kapitel der burgenländisch-europäischen Geschichte. Auch bei der Sommerakademie sprach er über den ungarischen Freiheitskampf und die Ereignisse rund um den Eisernen Vorhang.
Sein Engagement geht dabei weit über einen Vortrag hinaus. Bachkönig hat vor zwei Jahren den Gedenkpark in Mörbisch am See mitgestaltet. Mit Bildern, Informationstafeln und Zeitzeugengeschichten, die Geschichte dort sichtbar und begreifbar machen, wo sie tatsächlich stattgefunden hat. Hinter den großen historischen Begriffen stehen immer Menschen.
Menschen, die Angst hatten. Menschen, die nicht wussten, ob sie den nächsten Schritt in die Freiheit schaffen würden. Familien, die ihre Heimat verlassen wollten. Kinder, die nicht verstehen konnten, warum ihre Eltern plötzlich flüsterten und warum ein Grenzzaun über ihr Leben entschied.

© Ossi Halwax
Manchmal gilt es wegzuschauen
Auch der ehemalige ungarische Grenzoffizier Árpád Bella erzählte den Jugendlichen von diesen dramatischen Tagen. Er war dabei, als am 19. August 1989 am „Tor zur Freiheit“ in St. Margarethen eine Menschenmenge plötzlich in Bewegung geriet.
720 DDR-Bürger durchbrachen damals ein rostiges Gittertor und flohen in die Freiheit. Bella und seine Männer hatten eigentlich den Auftrag, die Massenflucht zu verhindern. Doch der Offizier entschied sich bewusst gegen die Anwendung von Gewalt. Zu seinen Männern sagte er: „Dreht euch um, dann seht ihr nichts.“
Ein Satz, der Jahrzehnte später mehr über diesen historischen Moment erzählt als viele Seiten Geschichtsbücher. Was damals geschah, war keine abstrakte politische Wende. Es waren Schicksale. Flucht, Angst, Hoffnung und der unbedingte Wunsch nach einem freien Leben.

© Ossi Halwax
Trennlinien aus Stacheldraht
Der Eiserne Vorhang hatte Europa über Jahrzehnte geteilt. Stacheldraht, Wachtürme und bewaffnete Soldaten machten aus einer Grenze eine Trennlinie zwischen zwei Welten.
1956 flohen rund 200.000 Menschen nach der Niederschlagung des ungarischen Freiheitskampfes durch den bereits löchrigen Stacheldrahtzaun ins Burgenland. 1989 wurde das Burgenland neuerlich zum Zufluchtsort. Die Menschen in den Grenzgemeinden halfen, öffneten ihre Häuser und stellten Lebensmittel, Kleidung und Quartiere zur Verfügung.
Wie viel Mut dafür notwendig war, lässt sich heute nur schwer begreifen. Umso wichtiger sind die Begegnungen mit jenen, die erzählen können.
Die Jugendlichen hörten von Flucht und Verzweiflung, aber auch von Menschlichkeit. Von Menschen, die geholfen haben, obwohl sie selbst Angst hatten. Von Familien, zwischen denen aus einer Begegnung an der Grenze Freundschaften entstanden. Und von einem Europa, das sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend verändert hat.

© Ossi Halwax
Ort der Begegnung
Am Ende der Woche führte der Weg dorthin, wo eines der bewegendsten Kapitel dieser Geschichte geschrieben wurde: zum „Tor zur Freiheit“ in St. Margarethen. Dort, wo am 19. August 1989 dieses rostige Gittertor geöffnet wurde und 720 Menschen die Grenze überwanden, wurde gemeinsam gegessen, geredet und gelacht. Es wurde gegrillt und ein Picknick veranstaltet.
Was einst eine Grenze zwischen zwei Welten gewesen war, wurde zum Ort der Begegnung. Man hätte für diesen Augenblick keinen besseren Platz als den Gedenkpark wählen können, der eine Vergangenheit hat, die kaum schwerer wiegen könnte.
Hunderte Flüchtlinge haben dort unter Einsatz ihres Lebens in nur wenigen Stunden den ersten Schritt in die Freiheit getan. Zufriedene Menschen saßen nun hier zusammen, teilten das Essen und erzählten einander Geschichten. Jugendliche brachten ihre eigene Gegenwart mit, Zeitzeugen ihre Erinnerungen. Dazwischen lag ein Stück europäischer Geschichte.
Darin liegt der Sinn des Erinnerns: nicht in der Vergangenheit stehenzubleiben, sondern aus ihr etwas für die Zukunft mitzunehmen. „Gemeinsam in eine freie Welt“ – dieser Gedanke stand über dem Abschluss der Sommerakademie.

© Ossi Halwax
In die Zukunft blicken
Für die jungen Teilnehmer ist es selbstverständlich, dass sie aus sieben europäischen Ländern zusammenkommen, miteinander diskutieren, lachen und gemeinsam Zukunft gestalten können. Für jene Generation, die den Eisernen Vorhang erlebt hat, ist diese Freiheit eine Errungenschaft, die noch sehr konkret im Gedächtnis liegt.
Am „Tor zur Freiheit“ traf nicht nur Vergangenheit auf Gegenwart, es trafen Menschen auf Menschen. Die schönste Form, Geschichte weiterzugeben: wenn aus einer Jahreszahl ein Gesicht wird, aus einem Grenzzaun eine Erinnerung, aus einem Zeitzeugenbericht ein Gespräch. Und aus einem Ort, an dem Menschen einst um ihre Freiheit kämpften, ein Platz, an dem junge Europäer gemeinsam in die Zukunft blicken.
Grenzen können Länder trennen, Menschen können sie überwinden.

© Ossi Halwax