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80 Jahre Gerhard Ernst: Wiener Schmäh trifft burgenländische Bühnen
Portrait
Der gefeierte Schauspieler und Publikumsliebling Gerhard Ernst feierte am 11. Jänner seinen 80. Geburtstag. Nina Mayer traf ihn zum BVZ-Interview in Wien und sprach mit ihm über große Bühnen, unvergessliche Rollen und seine besondere Verbindung zum Burgenland: von den Seefestspielen Mörbisch bis zum Schlossfestival Kittsee, das er über Jahre geprägt hat. Ein Gespräch über Bühnenlust, Lebensfreude und einen Künstler, der auch mit 80 noch brennt.
Nina Mayer traf den Jubilar Gerhard Ernst im Café Mozart im Herzen Wiens zum großen BVZ-Interview und lauschten seinen Geschichten, die auch ins Burgenland entführten.
© Nina Mayer
Wenn Gerhard Ernst sagt, das Alter sei „nur eine Zahl“, dann glaubt man ihm das sofort. Nicht aus Koketterie, sondern weil dieser Mann auch mit 80 noch etwas ausstrahlt, das man nicht lernen kann: Bühnenlust. Und zwar jene ehrliche, unprätentiöse Art von Leidenschaft, die nichts beweisen muss und dennoch immer wieder aufs Neue überzeugt.
Geboren in Wien, stand Gerhard Ernst schon früh auf der richtigen Seite des Rampenlichts. Als Mozart-Sängerknabe lernte er Disziplin, Gehör und Gemeinschaft – später an der Schauspielschule Krauss und bei Gesangslehrer Erich Schwarzbauer das Handwerk. Was folgte, war kein geradliniger Karrieremärchenweg, sondern ein echtes Theaterleben – eines, das über Jahrzehnte wuchs, reifte und Tiefe gewann.
Seine ersten Engagements führten ihn nach Deutschland: Garmisch-Partenkirchen, Mainz, Krefeld/Mönchengladbach. Gastspiele in Münster, Dortmund oder Gelsenkirchen gehörten ebenso dazu wie Auftritte in Holland, Belgien oder Spanien. Ein Schauspieler auf Wanderschaft, der sein Publikum fand, wo immer er hinkam.
1985 kehrte er nach Österreich zurück, zu den Vereinigten Bühnen Graz, später folgten prägende Jahre am Wiener Burgtheater unter Claus Peymann. Von dort ging es weiter ans Theater in der Josefstadt – und schließlich, im Jahr 2001, an jene Bühne, die für viele untrennbar mit seinem Namen verbunden ist: die Volksoper Wien.
Hier entfaltete Gerhard Ernst sein ganzes Spektrum. Operette, Musical, Schauspiel – für ihn nie Gegensätze, sondern unterschiedliche Dialekte derselben Sprache. Ob als Alfred P. Doolittle in „My Fair Lady“, als Frosch oder Gefängnisdirektor Frank in der „Fledermaus“, als Njegus in der „Lustigen Witwe“ oder als Herr Zeller in „The Sound of Music“ – Ernst verlieh Rollen jene Präzision und Menschlichkeit, die sie unvergesslich machen.
Eng verbunden ist sein Name auch mit dem Burgenland. Bereits 1991 stand Gerhard Ernst erstmals auf der Bühne der Seefestspiele Mörbisch. Das Stück „Sisi und Romy“ feierte Premiere, Ernst verkörperte Herzog Max von Bayern.
Unvergessen blieb eine Szene, die bis heute Theatergeschichte schrieb: Der Regisseur hatte den Geistesblitz, dass Felix, der Hund von Gerhard Ernst, mit auf der Bühne sein sollte. Als Nene in Ohnmacht fallen musste, weil Franzl seinen Heiratsantrag nicht ihr, sondern dem Schwesterherz machte, lief Hund Felix zur vermeintlich Bewusstlosen – und begann, ihr genüsslich das Gesicht abzuschlecken. Das Publikum tobte vor Lachen, selbst das spielende Orchester konnte sich kaum halten.
Felix war übrigens auch der einzige Hund, den Burgtheaterdirektor Claus Peymann jemals in der Burg zuließ. Anfangs beäugte er ihn skeptisch: „Was will der von mir?“, fragte Peymann. „Er liebt dich“, antwortete Ernst trocken. Peymann konterte: „Na dann ist er aber das einzige Lebewesen in der Burg, das mich liebt!“
Bei den Seefestspielen Mörbisch brillierte Ernst später, 2014, als Milchmann Tevje in „Anatevka“. 127.000 Zuschauer in 21 Vorstellungen erlebten einen Tevje mit Humor, Melancholie und Würde. Und wer Gerhard Ernst kennt, weiß: Hinter dieser Würde steckt auch ein schelmisches Augenzwinkern.
So erzählte er, wie er einmal bei einer Aufführung beinahe mit einem echten Milchkrug auf die Bühne stolperte – das Publikum lachte, die Vorstellung ging weiter, und Tevje rettete sich mit einem Improvisationstalent, das man nur bei jahrzehntelanger Bühnenerfahrung lernt.
Die Zeit in Mörbisch liebte Ernst besonders. In den Sommermonaten wohnte er gemeinsam mit Kollegen direkt im Ort am Neusiedler See. Nach den Vorstellungen warteten Touristen und Fans oft schon im Restaurant „Sommer“, wo man zusammensaß, lachte, diskutierte und den Abend ausklingen ließ. Theater, so Ernst, ende nicht mit dem Schlussapplaus – es lebe in diesen Begegnungen weiter.
Doch Mörbisch ist nicht sein einziger burgenländischer Hafen. Von 2007 bis 2011 war Gerhard Ernst künstlerischer Leiter des Schlossfestivals Kittsee. Stücke wie „Der Mann von La Mancha“, „Das Dreimäderlhaus“ oder „Kiss me Kate“ brachte er hier auf die Bühne und prägte das Festival nachhaltig.
Gleich zu Beginn ereignete sich eine Episode, die Ernst bis heute schmunzelnd „das Wunder von Kittsee“ nennt: Am Nachmittag vor der Premiere stellte er entsetzt fest, dass die Bühne rund fünf Meter zu weit Richtung Publikum gebaut worden war – die Sicht war massiv eingeschränkt. Große Verzweiflung, dann rasches Handeln. Die Bühnenbaufirma rückte an, ebenso zahlreiche Dorfbewohner. Mit vereinten Kräften wurde die Bühne tatsächlich noch rechtzeitig an den richtigen Platz verschoben.
In Kittsee verwandelte Ernst das historische Schlossgelände jedes Jahr in eine kleine, sommerliche Theaterwelt. Ob Operette, Musical oder Soloprogramm – er sorgte dafür, dass die Aufführungen nicht nur charmant, sondern auch überraschend blieben.
Ein Insider erinnert sich, wie Ernst einmal in voller Kostümierung in den Schlossgarten lief, um eine vergessene Requisite aus dem Auto zu holen – und dabei die Kühe der Nachbarschaft zu einem spontanen Publikum machte. „Das ist Kittsee live“, lachte er selbst. „Man weiß nie, wer plötzlich die Hauptrolle übernimmt.“
Auch abseits der Bühne blieb Ernst präsent. Im Fernsehen war er fixer Bestandteil der österreichischen Krimilandschaft: „Tatort“, „Kommissar Rex“, „Stockinger“, „Eurocops“, später der „Altaussee-Krimi“. Die Dreharbeiten zum letzten Teil beginnen demnächst. Im Kino überzeugte er unter anderem in „Komm, süßer Tod“ oder „Die Gottesanbeterin“.
Und dann war da noch diese Werberolle, die ihm Kultstatus einbrachte: Fleischhauer Hofstädter. Dass man ihn seither in der Straßenbahn nach der richtigen Würstelzubereitung fragt, nimmt Gerhard Ernst gelassen. „Sieden, nicht kochen“, lautet die Antwort – und ein Lächeln gibt es gratis dazu. Die Wiener und Burgenländer lieben ihn dafür gleichermaßen.
Neben Bühne und Kamera fand Ernst immer auch Zeit für Soloprogramme wie „Der Herr Karl“, „Heute ziagt der g’schupfte Ferdl frische Socken an“ oder „Der Papa wird’s scho richten“. Programme, die unterhalten, ohne flach zu sein. „Unterhaltung mit Haltung“, wie er selbst sagt. Lachen auf hohem Niveau – ein Satz, der erstaunlich gut zu seinem gesamten Schaffen passt.
Im Jänner feierte Gerhard Ernst nun seinen 80. Geburtstag. Große Gesten braucht er dafür keine. Sein Wunsch ist schlicht: Gesundheit. Und noch ein bissl arbeiten – nicht aus Zwang, sondern aus Freude. Aufhören will er erst dann, „wenn ich nicht mehr brenne“. Noch aber lodert dieses Feuer, ruhig und beständig.
Ganz im Gegenteil: Auch 2026 ist er präsent. Am 4. Februar ist er im Foyer der Volksoper in einer Robert-Stolz-Revue zu erleben. Am 15., 18. und 23. Februar steht er dort im Stück „Lasst uns die Welt vergessen“ auf der Bühne. Am 1. März folgt ein Heinz-Conrads-Gedenkabend auf der „Freien Bühne Wieden“ – eine Verbeugung vor einem Künstler, dem Ernst sich seit jeher verbunden fühlt.
Gerhard Ernst hat in acht Jahrzehnten viel gespielt, viel erlebt und nie den Kontakt zum Publikum verloren. Ob auf der großen Bühne Wiens, bei den Seefestspielen Mörbisch oder im kleinen, charmanten Schloss Kittsee – er bleibt ein Erzähler, der weiß, dass das Wichtigste oft zwischen den Zeilen passiert.
Ein Mann, der das Burgenland mit Humor, Herz und Wiener Schmäh bereichert – und dabei immer wieder beweist: Ein echter Künstler kennt keine Altersgrenze, nur Bühnen, auf denen es sich zu brennen lohnt.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Gerhard Ernst!