Andrea Berg gab einem Wunsch Flügel

Seebühne Mörbisch

Am Dienstag vermochte in Mörbisch ein Traum Wirklichkeit zu werden. Christopher Reinprecht hatte einen ganz besonderen Wunsch. Er ist einer der größten Fans von Andrea Berg. Ihre Lieder begleiten ihn, ihre Stimme, ihre Geschichten von Liebe, Sehnsucht, Abschied, Hoffnung und davon, dass man immer wieder aufstehen kann. Nun sollte ausgerechnet in seinem Heimatort Mörbisch, wo Andrea Berg am Dienstag auf der Seebühne auftrat, sein ganz persönlicher Wunsch in Erfüllung gehen: Christopher durfte sein Idol treffen.

Von Nina Mayer

Christopher Reinprecht - überglücklich, sein Idol Andrea Berg vor ihrem Konzert in Mörbisch treffen zu dürfen. Seine Freundinnen und Freunde teilten mit ihm diesen Glücksmoment.

Christopher Reinprecht - überglücklich, sein Idol Andrea Berg vor ihrem Konzert in Mörbisch treffen zu dürfen. Seine Freundinnen und Freunde teilten mit ihm diesen Glücksmoment.

© Nina Mayer

Es gibt kleine Wünsche. Ein Lied, das man unbedingt hören möchte. Einen Menschen, den man wiedersehen will. Einen Sonnenuntergang, den man noch einmal erleben möchte. Einen Sommerabend am See.

Und dann gibt es große Wünsche. Jene, bei denen ein bisschen Glück dazugehört. Und manchmal ein anderer Mensch, der daran glaubt, dass ein Wunsch nicht zu groß ist, nur weil seine Erfüllung unwahrscheinlich erscheint.

Unter der Woche lebt Christopher in einer Wohneinheit von „Rettet das Kind“ in Eisenstadt, die Wochenenden verbringt er in Mörbisch. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch wer ihm begegnet, merkt schnell: Das ist nicht die Geschichte eines Menschen, dem etwas fehlt. Es ist die Geschichte eines Menschen, der unglaublich viel zu geben hat. Mehr als viele andere Menschen.

Vor allem ist es sein Lachen. Ein herzliches, ansteckendes Lachen, das das Herz des Gegenübers sofort mit Freude erfüllt. Vielleicht gerade deshalb, weil man ahnt, dass das Leben für ihn nicht immer leicht gewesen ist. Vielleicht aber auch, weil Christopher eine besondere Gabe besitzt: Er kann sich über Dinge freuen, die andere längst für selbstverständlich halten.

Plötzlich wird aus einem Treffen mit einem Star etwas viel Größeres. Es geht gar nicht nur darum, dass ein Fan sein Idol trifft. Es geht um einen Wunsch, und darum, was Wünsche mit uns machen.

Christopher Reinprecht und Andrea Berg begegneten einander am Dienstag. Ein Augenblick, auf den Christopher lange gewartet hatte und der plötzlich ganz selbstverständlich da war: ein Lächeln, ein Gespräch, zwei Menschen, die einander für einen Moment gegenüberstanden. Aus einem Wunsch war Wirklichkeit geworden. Aus einer Stimme, die ihn jahrelang begleitet hatte, war ein Mensch geworden, der nun direkt vor ihm stand.

Vielleicht sind Wünsche die Sterne unseres Lebens. Wir sehen sie nicht immer. Manchmal verschwinden sie hinter Wolken, manchmal glauben wir, sie seien längst zu weit entfernt. Aber sie sind da und tauchen immer wieder auf. Manchmal fällt tatsächlich einer vom Himmel, einer Sternschnuppe gleich. Dann spielt es keine Rolle, wie groß der Wunsch einmal war. Es zählt nur noch, dass er wahr geworden ist.

An diesem Sommerabend stand Andrea Berg auf der Seebühne. Vor Tausenden Menschen, die ihre Lieder kennen, ihre Geschichten, ihre großen Gefühle. Mörbisch feierte mit ihr eine Nacht voller Musik, Liebe und Erinnerungen. Die Bühne selbst wurde dabei zu einer Traumwelt.

Palmen, sommerliche Landschaften, Motorradtouren und Projektionen, die das Publikum gedanklich weit über den Neusiedler See hinausführten. Andrea Berg, jugendlich wie eh und je, zunächst im heißen Lederoutfit, später im glitzernden Sommerkleid. Eine musikalische Reise durch Jahrzehnte, durch große Gefühle und durch ein Leben, das auch immer wieder Stoff für neue Lieder geliefert hat.

Andrea Berg ließ an diesem Abend auch ein wenig hinter die Kulissen blicken, erzählte aus ihrem Leben und ließ gemeinsam mit ihrem Publikum Erinnerungen Revue passieren. Natürlich kamen dabei auch ihre Männer zur Sprache. Denn so manche ihrer großen Hits sind aus Liebeskummer und Trennung entstanden.

„Ich werde lächeln, wenn du gehst“, „Ich sterbe nicht noch mal“, „Du hast mich tausendmal belogen“: Lieder, die längst zu Klassikern geworden sind und bei denen wohl so mancher im Publikum an seine eigene Geschichte dachte.

Andrea Berg selbst kann inzwischen mit Humor auf diese Kapitel ihres Lebens zurückblicken. Ihre Ex-Männer würden sich mittlerweile darum streiten, für wen wohl welches Trennungslied geschrieben worden sei, erzählte sie augenzwinkernd. Eigentlich müsste sie sich bei ihnen bedanken.

Aus Schmerz kann durchaus Kreatives entstehen. Aus einer Trennung ein Lied. Aus einer Enttäuschung eine Geschichte. Und aus einer persönlichen Erfahrung etwas, in dem sich plötzlich Millionen Menschen wiederfinden.

Andrea Berg gibt Gefühlen eine Stimme. Glaubwürdig kann sie über das Leben singen, da sie auch abseits der Bühne immer wieder dort hinsieht, wo das Leben besonders verletzlich ist. Die gelernte Krankenschwester engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit und erhielt dafür 2008 das Bundesverdienstkreuz in Deutschland. Auch für Kinderhilfsprojekte setzt sie sich ein.

Das macht ihre Lieder noch bedeutungsvoller. Denn hinter der glitzernden Bühnenwelt steht eine Frau, die weiß, dass zum Leben nicht nur die großen Glücksmomente gehören, sondern auch Abschied, Krankheit, Hoffnung und die Kraft, füreinander da zu sein.

So passte an diesem Abend vieles zusammen. Christopher, der seinen großen Wunsch erfüllt bekam. Andrea Berg, deren Stimme ihn so lange begleitet hatte. Und Tausende Menschen, die gemeinsam mit ihr sangen, tanzten, lachten und sich an ihre eigenen Geschichten erinnerten.

Bei „Ich werde lächeln, wenn du gehst“ durfte man sich vielleicht fragen, wie leicht das mit dem Lächeln tatsächlich ist. Bei „Nächstes Mal sag ich dann Nein“ konnte man wiederum ein wenig schmunzeln. Denn wie oft hat der eine oder andere sich das nicht schon vorgenommen? Beim nächsten Mal sage ich Nein. Ganz bestimmt. Dann kommt das Leben und man sagt vielleicht doch wieder Ja.

Mag sein, dass das ja auch gut so ist, denn gleich danach heißt es bei Andrea Berg: „Ja, ich will“. Und spätestens da war klar: Mörbisch wollte es an diesem Abend auch. Es wollte feiern, es wollte singen, es wollte sich verlieben in Musik, Erinnerungen und diesen einen besonderen Sommerabend am See.

Besonders passend zum Neusiedler See wurde es bei „Seemann, lass das Träumen“. Plötzlich schien ganz Mörbisch an Bord zu sein. Ein kollektives „Schiff ahoi“ lag in der Luft. Man konnte sich zurücklehnen, die Musik genießen und sich freuen, Passagier dieser außergewöhnlichen Reise sein zu dürfen.

Es war ein fulminantes Konzert voller Energie, Humor, großer Gefühle und kleiner Geschichten aus dem Leben. Andrea Berg nahm ihr Publikum mit hinein in ihres.

Irgendwo mittendrin war Christopher. Wahrscheinlich hat er an diesem Abend anders zugehört als sonst. Denn wenn man einem Menschen begegnet ist, dessen Stimme einen jahrelang begleitet hat, wenn aus einem Lied plötzlich ein greifbares Gegenüber geworden ist, aus einer Sehnsucht eine Begegnung und aus einem Wunsch eine Erinnerung, dann hören sich manche Zeilen plötzlich anders an.

Das ist das Schöne an einem Wunsch: Er verändert nicht nur den Augenblick, in dem er erfüllt wird. Er verändert auch all die Augenblicke danach. Wir brauchen das in einer Welt, die viel zu schnell und zu laut geworden ist: Menschen, die noch wünschen können. Menschen, die an kleine Wunder glauben. Menschen, die sich über einen einzigen besonderen Moment freuen können.

Christopher ist so ein Mensch. Nach einem Gespräch mit ihm geht man ein bisschen glücklicher nach Hause. Sein Lachen bleibt. Und der Gedanke, dass wir unseren Wünschen ruhig wieder mehr vertrauen sollten. Den kleinen, aber auch den großen. Manchmal braucht ein Wunsch nur ein wenig Zeit. Manchmal einen Menschen, der an ihn glaubt.

Und manchmal ganz einfach ein bisschen Musik, damit ein Wunsch Flügel bekommt und dorthin fliegen kann, wo er schon immer hinwollte.