Das zweite Programm der „Grenzgänger“ begeisterte bei der Premiere im Wimpassinger Gasthof Schmalzl mit Wortwitz und klassischen Wienerliedern am vergangenen Wochenende.
David Garrett und die Erotik seines Geigenspiels
Seebühne Mörbisch
Mittwochabend. Die Seebühne Mörbisch ist ausverkauft. 6000 Menschen warten. Dann erscheint David Garrett. Lange blonde Haare, schwarzes Outfit, die Geige in der Hand, auf den Lippen dieses unverschämt lässige Lächeln. Ein kurzer Blick ins Publikum, der erste Griff zu seinem Instrument und allen war klar: Hier wird heute Abend nicht einfach Geige gespielt. Hier wird gerockt.
David Garrett: das sexy Genie an der Geige sorgte in Mörbisch für „ausverkauftes Haus“. 6000 Menschen kamen, um dem Musiker zu lauschen.
© Nina Mayer
Und zwar mit einer Kraft, die selbst jene überrascht haben dürfte, die geglaubt hatten, schon zu wissen, was ein Konzert mit David Garrett bedeutet. Seine Geige kreischt, sie flüstert, donnert, schmeichelt und jagt durch die Nacht. Der Geigenbogen wird zum Rockinstrument, die klassische Virtuosität trifft auf Popbeats und Gitarrenriffs. Und Garrett selbst? Er bewegt sich über die Bühne, als wäre das Instrument eine Verlängerung seines Körpers.
Die Geige war selten so cool und bestimmt selten so sexy.
6000 Menschen und die Seebühne wird zum Hexenkessel. Schon nach den ersten Takten ist die Stimmung elektrisiert. Garrett hat dieses besondere Talent, musikalische Grenzen zu überschreiten und sie mit einem breiten Grinsen einzureißen. Klassik? Ja! Pop? Unbedingt! Rock? Yesss! Elektronische Sounds, große Orchesterpassagen, wuchtige Beats und mittendrin dieser eine Mann mit seiner Geige, der mit seiner Präsenz alles andere in den Schatten stellt.
Das ist die Idee hinter „Millennium Symphony“: Garrett verwandelt große Hits der vergangenen 25 Jahre in seine eigene musikalische Welt. Seine Karriere steht seit Jahrzehnten für eine Verbindung von Klassik und Pop. Weltweit hat er Millionen von Alben verkauft und Milliarden Streams erreicht. Zahlen sind an diesem Abend aber Nebensache, denn Mörbisch will fühlen, und dafür sorgt Garrett vom ersten Moment an.
Ed Sheeran kommt gleich zweimal zu Ehren. „The Joker and the Queen“ bekommt durch die Geige eine beinahe schwebende, romantische Note, bevor „Shape of You“ die Sache deutlich körperlicher werden lässt. Der Song, der im Original mit seinem treibenden Beat längst jeden Dancefloor erobert hat, bekommt bei Garrett eine völlig neue Farbe: elegant, verspielt, mit ordentlich Druck.
Dann wird es heiß. Sehr heiß. „Mein Herz brennt“ von Rammstein. Garrett lässt die Geige aufheulen, Feuerspiele auf der Bühne und spätestens jetzt ist die Temperatur in Mörbisch höher als an jedem Sommertag dieses nicht gerade kühlen Sommers. Flammen schießen empor, die Musik wird schwer, sie wird dunkel, der Beat treibt an. Ausgerechnet eine Geige transportiert plötzlich die Wucht von Rammstein.
Das Publikum? Ekstatisch, denn David Garrett besitzt neben seinem musikalischen Ausnahmetalent noch eine andere ziemlich wirkungsvolle Waffe: Ausstrahlung.
Die langen blonden Haare, die ihm strähnenweise beim Spielen immer wieder ins Gesicht fallen. Dieses ständige, fast jungenhafte Lächeln. Die lässige Körpersprache. Und dieser Moment, wenn er die Geige ansetzt und aus David plötzlich ein Rockmusiker wird, der die Bühne mit jeder Faser beherrscht.
Die Damenwelt lag ihm zu Füßen. Von ganz jung bis ins hohe Alter wurde geschwärmt, gejubelt, geklatscht. Ja, David Garrett ließ die Augerl ganz schön glitzern.
Vielleicht, weil Geigenmusik etwas kann, was kaum ein anderes Instrument vermag. Sie kann Sehnsucht erzeugen, Spannung, Wärme und Gänsehaut. Und wenn ein Musiker wie Garrett sie mit Rock und Pop verbindet, bekommt dieses Instrument eine körperliche Energie, die man beinahe spüren kann. Die Erotik des Klangs. Ein Spiel aus Spannung und Entladung, aus einem langen Ton, einem plötzlichen Crescendo, einem Blick, einer Bewegung. Garrett weiß ganz genau, was er tut.
Dann geht es weiter durch die musikalische Popgeschichte. „Despacito“ von Luis Fonsi bringt südamerikanisches Temperament auf die Seebühne. Plötzlich wird aus dem Konzert eine Sommernachtsparty. Hüften bewegen sich, Hände gehen nach oben, und die Geige darf zeigen, dass sie durchaus auch dem Hüftschwung gerecht werden kann.
Mit „Dance Monkey“ von Tones and I wird es verspielt und modern. Ein Song, der schon im Original von einer ungewöhnlichen Stimme und einem treibenden Rhythmus lebt, bekommt bei Garrett den typischen „Millennium Symphony“-Dreh: Der bekannte Hit bleibt erkennbar, klingt aber plötzlich wie ein Stück, das für die Geige geschrieben worden sein könnte.
Dann Beyoncé. „Naughty Girl“. Der Titel passt an diesem Abend allzu gut. Garrett lässt es grooven. Die Geige tanzt über den Beat, die Bühne pulsiert, das Publikum ist auf Betriebstemperatur.
Rock. Pop. Klassik. Garrett mittendrin. Der Teufelsgeiger will sich nicht festlegen, ob er klassischer Virtuose oder Rockmusiker ist. Er ist beides und noch viel mehr. Garrett spielt nicht einfach Melodien nach, er interpretiert, gibt ihnen Spannung und 6000 Menschen fühlen sie.
Die Masse jubelt, springt, die Augen der Damenwelt glitzern, David lächelt. Er wirkt gleichzeitig wie der hochkonzentrierte Virtuose, der jede Bewegung des Bogens beherrscht, aber auch wie der lässige Rockstar, der einfach Spaß daran hat, 6000 Menschen um den Finger zu wickeln. Nur dass seine Finger dabei meistens am Geigenhals liegen.
Da ist Kraft, Präzision, Leidenschaft. Vor allem ist da aber diese lässige Erotik, die man nicht erlernen kann. Die man hat oder nicht. David Garrett hat sie. Und Mörbisch hat sie an diesem Abend bekommen. Tausende Menschen erleben eine Nacht zwischen Klassik und Rock, zwischen Gänsehaut und Partystimmung, zwischen Feuer und unendlich viel Gefühl. Eine Sommernacht, in der eine Geige plötzlich verdammt sexy wird.
Zum Schmunzeln: Mitternacht, am Parkplatz vor dem Festgelände, beim Gehen. Der Kommentar einer 76-jährigen Burgenländerin: „Nina, von der Bettkante würde ich ihn nicht stoßen, den David!“ Tja, durch G'schamigkeit zeichnen wir uns nicht gerade aus am Neusiedler See. Und träumen wird frau ja noch dürfen!