"Die Gesellschaft menschlich mitgestalten"

Burgenländerin der Woche

Bildung ist ihr zentrales Thema: Claudia Kreiner-Ebinger, Trägerin des diesjährigen Rosa-Jochmann-Preises, erzählt über ihr Engagement für Chancen, Gerechtigkeit und Zukunftsperspektiven.

author Von Elisabeth Kirchmeir

Claudia Kreiner-Ebinger ist Bildungsexpertin bei der Arbeiterkammer Burgenland.

Claudia Kreiner-Ebinger ist Bildungsexpertin bei der Arbeiterkammer Burgenland.

© Arbeiterkammer Burgenland

Rosa Jochmann war eine Ikone des Widerstands und kämpfte für die Schwachen. Wo sehen Sie in Ihrer vier Jahrzehnte langen Arbeit im Burgenland die größten Parallelen zu Jochmanns Werten?

Rosa Jochmanns Werte der Demokratie und sozialen Gerechtigkeit waren die Basis meines gesamten beruflichen Wirkens im Bildungsbereich. Demokratie ist nicht selbstverständlich, sondern muss gelernt und verstanden werden, wie ich schon früh von meiner Großmutter erfuhr, die wie Rosa Jochmann das KZ Ravensbrück überlebte. Mein Antrieb war und ist es daher, Bildung nicht bloß als Wissensvermittlung zu verstehen, sondern immer auch als Befähigung der Lernenden, unsere Gesellschaft menschlich mitzugestalten.

Sie haben Meilensteine wie das AK-Bildungsnavi und den Zweiten Bildungsweg etabliert. Wenn Sie zurückblicken: Welches Projekt war Ihr härtester Kampf und woran drohte es damals zu scheitern?

Etabliert ist ein zu großes Wort – umgesetzt ist besser, da die Institutionen, in denen ich tätig war und noch bin, Bildung als Ermächtigung zu mehr Selbstverantwortung und Selbstorganisation sehen und somit waren es zwar große Herausforderungen, die ich aber auch gerne angenommen habe. Der Zweite Bildungsweg und das AK-Bildungsnavi sind gut umgesetzte etablierte Angebote. Nicht umgesetzt werden konnte ein Projekt zur Erwachsenenbildung für Menschen mit Behinderung; die Zeit war hierfür noch lange nicht reif. Dieser Bereich öffnet sich auch heute noch zu langsam.

Sie betonen immer wieder, dass Bildung sozial und inklusiv sein muss. Haben wir im Burgenland im Jahr 2026 wirklich mehr Chancengerechtigkeit als vor 40 Jahren, oder klafft die Schere zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten durch die Digitalisierung nicht sogar noch weiter auseinander?

Die formalen Zugangschancen haben sich definitiv verbessert, so ist der Anteil der Menschen mit nur Pflichtschulabschluss gesunken und höhere Abschlüsse haben sehr zugenommen. Bildungspolitische Instrumente unterstützen diesen positiven Trend. Die soziale Vererbung von Bildung ist jedoch – und das zeigen auch das AK-Nachhilfebarometer oder die AK-Schulkostenerhebung - nach wie vor zu stark ausgeprägt. Damit hier die Schere nicht noch weiter durch Digitalisierung aufgeht, müssen staatliche und schulische Intervention auf Medienkompetenz und den reflektierten Umgang mit KI setzen und dies unabhängig vom Elternhaus.

Ist der Erfolg des Zweiten Bildungsweges nicht eigentlich ein Armutszeugnis für das reguläre Schulsystem? Warum versagt die Regelschule so oft dabei, junge Menschen im ersten Anlauf mitzunehmen?

Ich sehe den Zweiten Bildungsweg und lebenslanges Lernen als Chance zur beruflichen Verbesserung und somit auch zur Verbesserung des privaten Lebens und nicht als Reparaturbetrieb bzw. gibt es auch kaum einen besseren Schutz gegen (Langzeit-)Arbeitslosigkeit. Es braucht jedoch noch ein mit Rechtsanspruch versehenes Qualifizierungsgeld sowie einen stabil finanzierten rechtlichen Rahmen für Erwachsenenbildung in allen Lebensphasen. Bildung muss man sich ein Leben lang leisten können.

Es heißt, Sie denken Bildung konsequent aus feministischer Perspektive. Wo scheitert die burgenländische Realität noch immer an diesem Anspruch?

Wir sprechen hier nicht von einer burgenländischen Realität, das Bildungssystem endet nicht an Landesgrenzen, und Feminismus schon gar nicht. Bei der Ausbildungs- und Berufswahl herrscht weiterhin die Tendenz zu „typisch weiblichen" bzw. „typisch männlichen" Bildungswegen. Das führt zu Segregation am Arbeitsmarkt und in der Folge zur Einkommensschere zwischen den Geschlechtern. Mit Berufsorientierungs-Maßnahmen, wie z.B. MachMINT-Workshops oder dem neuen Schulscan versuchen wir als AK gegenzusteuern.

Wo muss das Land Burgenland in den kommenden Jahren budgetär nachbessern, damit Ihre Arbeit nicht stagniert? Was fordern Sie konkret von der Landespolitik?

Kostenlose Angebote kosten eben viel Geld – jedoch sind qualitätsvolle Bildungsangebote wertvolle Investitionen in die Zukunft. Für alle Bildungseinrichtungen braucht es finanzielle Stabilität, um gut und zielgruppenspezifisch mittel- und langfristig planen zu können. Individualförderungen wie der Qualifikationsförderungszuschuss müssen gesichert bleiben.

Nach vier Jahrzehnten Pionierarbeit: Welche unvollendete Aufgabe liegt Ihnen noch so sehr am Herzen, dass Sie sie unbedingt vor dem Ruhestand gelöst sehen wollen?

In der Bildungs- und Berufsorientierung würde ich Eltern gerne mit neuen Projekten wie dem Schulscan einbinden, sodass sie ihre Kinder in diesem Prozess empathisch gut begleiten und unterstützen können. Die letzte PIAAC-Studie (Kompetenzmessung für Erwachsene) hat ergeben, dass die Lesekompetenzwerte in Österreich weiter sinken. Vor allem für Berufsschüler würde ich hier gerne Leseförderungsangebote entwickeln. Mit zunehmender Digitalisierung sind leider unsere Teilnehmendenzahlen in der Schulung für Betriebsrätinnen und Betriebsräte gesunken. Auch hier bedarf es neuer Angebote.