Beim traditionellen Rotweinherbst in Horitschon öffneten 13 renommierte Weingüter ihre Kellertüren.
Goldenes Verdienstzeichen für Architektin Gerda Maria Gerner
Ehrung der Stadt Wien
Es gibt Augenblicke, die selbst in einer langen und erfolgreichen Karriere herausragen. Für die aus Raiding stammende Architektin Gerda Maria Gerner war die Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien im Wappensaal des Wiener Rathauses ein solcher Moment.
Bei der Überreichung des goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien. Andreas Gerner, Gründer und CEO von GERNER GERNER PLUS., Kathrin Gaál, Vizebürgermeisterin und Landeshauptmann-Stellvertreterin, Preisträgerin Gerda Maria Gerner sowie Laudator Volker Dienst.
© Stadt Wien/Martin Votava
Eine derart hochrangige Würdigung für architektonisches Schaffen zu erhalten, ist keine Selbstverständlichkeit, wie Gerner betont. Die feierliche Atmosphäre, die einfühlsamen Worte von Vizebürgermeisterin Katrin Gaal und die persönliche Laudatio eines langjährigen Wegbegleiters Volker Dienst verliehen der Zeremonie eine besondere Bedeutung. Der musikalische Abschluss durch ein Streicherensemble, das einen ihrer Lieblingssongs interpretierte, rundete den festlichen Rahmen stimmig ab.
Die Auszeichnung würdigt nicht nur Gerners architektonischen Leistungen, sondern auch ihre prägende Rolle in der Weiterentwicklung des Wohnbaus und des öffentlichen Raums sowie ihre Vorbildwirkung als Frau in einer lange männlich dominierten Branche. Zugleich steht sie stellvertretend für die Arbeit eines Büros, das von Beginn an vom Gedanken der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Gestaltens geprägt war.
© GERNER GERNER PLUS./Matthias Raiger, GERNER GERNER PLUS./Matthias Raiger
Vom Staunen zur Berufung
Geboren in Raiding im Burgenland, führten Gerda Maria Gerners erste berufliche Schritte zunächst nicht direkt in die Architektur. Nach der Matura an der Handelsakademie und ersten Berufserfahrungen in Wien unternahm sie eine Reise, die ihr Leben prägen sollte: mehrere Monate in den USA. Dort waren es die gigantischen Glasfassaden der Metropolen, die sie in ihren Bann zogen. „Ich war dermaßen beeindruckt, dass ich mehr darüber wissen wollte“, erinnert sie sich. Nach ihrer Rückkehr begann sie sogleich das Architekturstudium an der Technischen Universität Wien.
Es war weniger ihre Herkunft als vielmehr der Kontrast zwischen ländlicher Verwurzelung und internationaler Erfahrung, der ihren Blick prägte. Reisen, neue Perspektiven und kulturelle Vielfalt wurden zu Inspirationsquellen für eine Haltung, die Architektur stets als Teil eines größeren Ganzen versteht.
Architektur als Vision und Verantwortung
Ein entscheidender Schritt folgte mit der gemeinsamen Gründung des Architekturbüros GERNER GERNER PLUS mit ihrem Mann, dem Architekten Andreas Gerner. Der doppelte Name steht dabei bewusst für diese Partnerschaft und für ein Selbstverständnis, das bis heute gilt: Architektur entsteht im Team. Der gemeinsame Austausch, der Teamgeist und das Zusammenwirken unterschiedlicher Perspektiven bilden seit jeher die Grundlage der Arbeit und prägen das Büro bis heute.
Die Vision war klar: „Die Welt durch die Schönheit der Architektur, aber auch durch ihre Funktion, ein Stück besser machen zu können.“ Dieser Anspruch zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk, stets verbunden mit dem Anspruch, für und mit Menschen zu planen.
Zu den frühen Meilensteinen zählt das Weingut Wellanschitz in Neckenmarkt, ein Projekt mit besonderer persönlicher Bedeutung, da es sich um das Weingut ihrer Schwester und deren Familie handelt. Die Transformation eines traditionellen Weinkellers in eine zeitgemäße Architektursprache wurde zu einer Pionierleistung der österreichischen Weinarchitektur und zum Symbol für den Dialog zwischen Tradition und Gegenwart.
Ebenso prägend ist das preisgekrönte Gewerbegebiet Kampichler oder aktuell der Wohnbau „Rote Emma“ in Wien, einer der größten Holzhybridwohnbauten Europas. Parallel dazu arbeitet das Büro an mehreren Holzhochhäusern in Berlin, ein Ausdruck der konsequenten Hinwendung zu nachhaltigen und zukunftsweisenden Bauweisen. Für Gerner ist Nachhaltigkeit weit mehr als eine technische Kategorie: „Gute Architektur ist jene, die Menschen begeistert, ihnen guttut und auch gesellschaftlich Bestand hat.“

© tschinkersten/GERNER GERNER PLUS. AllesWirdGut, Nadine Tschinke / Ferdinand Kersten
Die weibliche Perspektive: Mut, Sensibilität und Selbstverständlichkeit
Ein wesentlicher Aspekt der Auszeichnung ist jene besondere gestalterische Haltung, die Gerda Maria Gerner in ihrer Arbeit verkörpert und die auch von ihrer persönlichen Erfahrung als Frau in der Architektur geprägt ist. Sie selbst verbindet damit vor allem Mut und eine klare innere Überzeugung. Noch immer wagen nur rund elf Prozent der Architekturabsolventinnen den Schritt in die Selbstständigkeit. Dass sie diesen Weg gemeinsam mit ihrem Mann gegangen ist, war daher eine ebenso bewusste wie richtungsweisende Entscheidung.
Gerner glaubt nicht, dass Frauen grundsätzlich anders bauen. Doch sie ist der Meinung, dass Frauen oft einen besonders differenzierten Blick für Details, Raumqualitäten und Stimmungen haben können. Lange Zeit waren Frauen in der Architektur kaum sichtbar. Ihre Namen fehlten in Publikationen, ihre Leistungen wurden männlichen Kollegen zugeschrieben. Heute hat sich vieles verändert, doch der Weg dorthin war steinig.
Gerner setzt sich aktiv für Gleichberechtigung ein. In ihrem eigenen Büro liegt der Frauenanteil bei rund 60 Prozent, die Führungsebene ist paritätisch besetzt. Für sie ist das kein politisches Statement, sondern Ausdruck einer Selbstverständlichkeit.
Vorbild für eine neue Generation
Ihre Rolle als Vorbild empfindet sie nicht bewusst, aber sie weiß um ihre Bedeutung. Jungen Architektinnen rät sie vor allem eines: authentisch zu bleiben. „Sich selbst treu zu bleiben, konsequent den eigenen Weg zu gehen und eine klare Sprache zu sprechen“, sei entscheidend. Wer versuche, anderen zu entsprechen, verliere oft seine eigene Stärke.
Für Gerda Maria Gerner ist Architektur mehr als ein Beruf. Sie ist Verantwortung und Leidenschaft zugleich. Architektur beeinflusst das Leben der Menschen täglich – sie kann verbinden oder trennen, inspirieren oder belasten. „Architektur ist unser Leben“, sagt sie. Dass ihr Sohn Oliver inzwischen ebenfalls Architekt ist und die Haltung des Büros weiterträgt, erfüllt sie mit besonderer Freude. Es ist ein Zeichen dafür, dass Architektur nicht nur Gebäude schafft, sondern auch Werte weitergibt.
Vielleicht ist es genau diese Haltung, die das Werk von Gerda Maria Gerner prägt: die Überzeugung, dass Architektur weit mehr ist als das Errichten von Gebäuden, dass sie Lebensräume formt, Menschen beeinflusst und gesellschaftliche Entwicklung mitgestalten kann. Diese konsequente Verbindung aus gestalterischem Anspruch, Verantwortung und Menschlichkeit ist es wohl auch, die mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ihre besondere Würdigung gefunden hat.