Pop-Ikone Nena: „Die innere Freiheit ist mir geblieben“

Im großen Interview

Nach ihrer atemberaubenden Show im mittelburgenländischen Horitschon gastiert Nena mit ihrer Band zu Mariä Himmelfahrt (15. August) auf der Galopprennbahn in Freudenau/Wien.

Von Dieter Dank

Am 15. August wird Nena in Freudenau/Wien bei ihrer "Wir gehören zusammen Tour" erneut 99 Luftballons aufsteigen lassen. Zuvor nahm sich die Pop-Legende Zeit für ein Interview mit der BVZ.

Am 15. August wird Nena in Freudenau/Wien bei ihrer "Wir gehören zusammen Tour" erneut 99 Luftballons aufsteigen lassen. Zuvor nahm sich die Pop-Legende Zeit für ein Interview mit der BVZ.

© © by Sarah Rechbauer

BVZ:Vor Kurzem haben Sie ihre Fans im mittelburgenländischen Horitschon begeistert. Was werden Sie vom Konzert in Erinnerung behalten?

Nena:Was mir und meiner Band in Horitschon und bei jedem anderen Konzert auffällt, ist, dass das Miteinander generell eine neue Qualität hat. Es scheint, immer mehr Menschen ins Bewusstsein zu rutschen, dass wir als Menschheitsfamilie ja tatsächlich zusammen gehören und verbunden sind. Da wird Musik nicht mehr nur konsumiert an so einem Abend, die meisten haben richtig Lust mitzugestalten und das tun sie auch. Über gemeinsames singen, tanzen und lachen, gerade in diesen Zeiten, lassen wir zusammen Herzenergie in alle Richtungen strömen. Herzenergie ist Liebe und darin drückt sich ganz klar aus: Wir wollen Frieden. Wer will bitte nicht in Frieden leben? Ich kenne niemanden. Und es ist die Liebe, die uns wieder zusammenführt. Davon bin ich überzeugt.

BVZ:Welche Verbindung haben Sie zu Österreich?

Nena:Ich liebe meine Heimat, mein Land, wo ich geboren wurde, ich kann mich aber auch sehr gut woanders auf der Welt zu Hause fühlen, zum Beispiel auch bei euch in Österreich. Wenn ich hier Konzerte spiele, planen wir drum herum immer schöne Wanderungen in den Bergen und jedes Mal danach habe ich das Gefühl, innerlich zu leuchten, so herrlich ist die Natur. Seit meiner frühen Kindheit komme ich zum Skifahren in unser Nachbarland. Ich habe zwei Cousinen und einen Cousin in Wien und einer meiner Söhne lebt inzwischen auch dort mit seiner Freundin, einer waschechten Wienerin. Also, um es kurz zu machen: Österreich fühlt sich für mich vertraut an und ich komme immer wieder gerne zu Besuch.

BVZ:Wie fühlt es sich an, mit zwei der eigenen Kinder auf der Bühne zu stehen?

Nena:Meine Band ist wie eine zweite Familie für mich und meine erwachsenen Kinder, die mich inzwischen zur glücklichen siebenfachen Großmutter gemacht haben, sind auch seit vielen Jahren immer mal wieder auf Tourneen mit dabei. Weil sie gute Musiker sind und wir alle gerne Großfamilie leben und alle gerne Musik machen. Ich bin voller Dank dafür.

Pop-Ikone Nena: „Die innere Freiheit ist mir geblieben“

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BVZ:Der Song „99 Luftballons“ ist zu einer Friedenshymne geworden. Wie würden Sie ihn heute, in einer neuen Weltlage, interpretieren?

Nena:„99 Luftballons“ ist und war immer eine Friedensbotschaft, die von den Menschen auch bis heute so verstanden wird. Ich liebe die Kraft, die dieses Lied hat, der Song ist zu Recht um die ganze Welt geflogen. Solange ich auf der Bühne bin, wird es kein Nena-Konzert ohne diesem Song geben. Wir befinden uns in einem großen Wandlungsprozess und auch Musik kann Brücken bauen.

BVZ:Was bedeutet Mut für Sie heute und wie hat sich ihr Verständnis davon im laufe der Jahre verändert?

Nena:An meinem Verständnis dafür hat sich nichts verändert. In einem mutigen Moment ist man völlig frei von Zweifel und Angst. Mut kommt überraschend und in aller Klarheit. Das ist ein gutes Gefühl, da macht man Dinge, die in dem Moment einfach dran sind. Das kann sehr befreiend sein.

BVZ:Was inspiriert Sie heute noch nach über vier Jahrzehnten im Rampenlicht?

Nena:Ich liebe, was ich tue, mit und ohne Rampenlicht. Ich habe den Anspruch an mich selber, keine Gewohnheit aufkommen zu lassen. Es würde mich einengen, mich in einer Art Routine zu bewegen und mich auf dem auszuruhen, was bisher war. Ich bin immer offen für Neues und ich bleibe in Aufbruchstimmung. Und so erlebe ich auch jedes Konzert neu und anders als die tausend Male davor.

Pop-Ikone Nena: „Die innere Freiheit ist mir geblieben“

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BVZ:Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, in dem Sie besonders über sich hinausgewachsen sind?

Nena:1977 stand ich zum ersten Mal mit meiner ersten Band auf einer Bühne, um mein allererstes Live-Konzert zu spielen. Das war in einem Jugendzentrum in der Stadt in der ich geboren bin. Ich war 17 und ich erinnere mich an alles. Den Tag, den Ort und vor allem daran, dass ich überhaupt nicht wollte... (lacht). Mir hätte es völlig gereicht, mit der Band im Proberaum Musik zu machen, zu singen und Gitarre zu spielen. Doch eines Tages kam jemand vorbei und fragte, ob wir nicht Lust hätten, auf einem kleinen Musikfestival ein paar Songs zu spielen.

In der Woche bis zur Show war mir schlecht und schlafen ging auch nicht so gut wie sonst. Dann kam der Tag der Tage und plötzlich erlebte ich mich singend auf dieser Bühne vor 28 Zuschauern, davon mindestens die Hälfte Familie und Freunde und ich fühlte mich, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Wie ein Erwachen. Gut, dass ich mich damals darauf eingelassen habe und sozusagen über mich hinaus gewachsen bin. Das war eine wegweisende Entscheidung in meinem Leben...

BVZ:Wenn Sie eine Botschaft an Ihr 20-jähriges „Ich“ senden könnten, was würden Sie sagen?

Nena:Wenn ich will, kann ich jederzeit in alle Jahreszeiten meiner Vergangenheit reisen. Aber warum sollte ich das tun? Ich habe mein Leben immer nach meinen Maßstäben und Überzeugungen gelebt und bleibe flexibel, wenn es Zeit ist, wieder alles auf den Kopf zu stellen, oder Unvorhergesehenes passiert. Das Leben ist Veränderung, daran können wir nichts ändern. Es kommt immer nur darauf an, wie wir damit umgehen.

Pop-Ikone Nena: „Die innere Freiheit ist mir geblieben“

© © by Sarah Rechbauer

Mein Lebensgerüst sieht so aus: Lieb dich selbst, immer mehr. Stehe zu dir und tue das, was aus deiner Sicht sinnvoll ist. Entscheide du für dich, vertraue dir, bleibe offen für Neues und wenn du einen Rat brauchst, hol ihn dir von Menschen, die du zu deiner Familie zählst. Glaub an dich und deine Liebsten und sprich so viel wie möglich über die Dinge, die du in deinem Leben haben willst und so wenig wie möglich über die Dinge, die du nicht in deinem Leben haben willst.

BVZ:Was bedeutet für Sie heute Erfolg und hat sich diese Definition im Laufe der Zeit verändert?

Nena:Als ich 1977 meine erste Band gegründet habe, hatte ich keine Ahnung von goldenen Schallplatten, ich wusst nicht mal, dass es so was überhaupt gibt. Wir hatten uns und die Musik. Darum ging es, alles andere war egal. Es ging um mein Lebensgefühl, den eigenen Lebensraum zu gestalten, nicht fremd bestimmt zu sein. Das fühlte sich frei an und diese innere Freiheit ist mir geblieben. Die geb ich auch nicht mehr her. (lacht)