Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

Künstlerportrait

Die in Polen geborene und seit Jahrzehnten in Österreich lebende Malerin Lucja Radwan hat in Gols ihre Heimat gefunden. Ihre Bilder erzählen von unterirdischen Welten, von Licht und Schatten, von Fantasie und manchmal auch von Dingen, die sich dem bewussten Denken entziehen.

Von Nina Mayer

Lucja Radwan vor einem ihrer Höhlenbilder. Die Malerin lebt seit fast drei Jahrzehnten in Gols, wo sie in ihrem hellen Atelier farbenfrohe Acryl- und Ölbilder entstehen lässt.

Lucja Radwan vor einem ihrer Höhlenbilder. Die Malerin lebt seit fast drei Jahrzehnten in Gols, wo sie in ihrem hellen Atelier farbenfrohe Acryl- und Ölbilder entstehen lässt.

© Nina Mayer

Manchmal braucht es im Leben einen Umweg, damit man dort ankommt, wo man eigentlich hingehört. Bei Lucja Radwan führte dieser Weg von Polen nach Österreich, von der Krankenpflege zur Malerei, von Wien ins Burgenland und schließlich tief hinein in die geheimnisvolle Welt der Höhlen.

Lucja Radwan wurde in Tuchów in Polen geboren. Ihre Mutter Jozefa, geborene Scheichl, stammte aus Oberösterreich, aus der Gegend am Attersee. Als Zehnjährige kam Jozefa mit ihrer Mutter nach Salzburg, nachdem ihr Vater gestorben war. Lucjas Vater Tadeusz war Pole.

Seine Lebensgeschichte war von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs überschattet: Er war in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert, darunter in Auschwitz. Nach der Befreiung durch die Amerikaner lebte er wie viele andere Menschen zunächst in einem Waggon in Salzburg.

Dort begegneten sich Lucjas Eltern. Sie heirateten und wollten eigentlich nach Kanada auswandern. Die junge Familie landete schließlich aber in Polen. Lucja wuchs in Tuchów auf, besuchte das Gymnasium in Tarnów und maturierte 1970. Anschließend absolvierte sie an einer medizinischen Fakultät eine Ausbildung zur Diplomkrankenschwester.

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

© Nina Mayer

Zwischen Krankenhaus und Staffelei

1975 führte ihr Weg nach Österreich. In Wien wurden damals dringend Arbeitskräfte im medizinischen Bereich gesucht. Lucja kam in die Bundeshauptstadt, begann im AKH zu arbeiten und blieb dort bis zu ihrer Pensionierung.

Gemalt hatte Lucja bereits als Kind. Das Talent war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt worden, denn ihr Vater war selbst Maler und Bildhauer. Professionell begann sie sich erst in Wien mit der Kunst auseinanderzusetzen.

In der Nähe des AKH belegte sie Kurse, lernte Aktzeichnen bei Professor Fritz Martinz und vertiefte anschließend bei Maria Awad Krayem ihre Kenntnisse in Aquarell- und Acrylmalerei. Weitere Lehrer kamen hinzu, darunter der renommierte ungarische Maler György Kornis.

Bis heute bevorzugt sie Acryl- und Ölfarben. Doch Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand zu bringen, kommt für sie nicht infrage. Jede Nuance wird selbst gemischt, bis genau jener Farbton entsteht, den sie sucht. Ihre Acrylbilder entstehen vor allem mit der Spachtel, nur bei der Ölmalerei greift sie zum Pinsel. Rot, Orange und Blau dominieren viele ihrer Werke – intensive, warme Farben, die leuchten und gleichzeitig Tiefe besitzen.

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

© Nina Mayer

Eine neue Welt unter der Erde

Dann kam ein Wendepunkt. Beim Lukas-Gilden-Kunstverein lernte Radwan den selbst malenden Höhlenforscher Heinz Holzmann kennen. Er organisierte Exkursionen zu Höhlen in Österreich, Ungarn und der Slowakei. Lucja schloss sich an. Und dann betrat sie zum ersten Mal eine Höhle.

Für sie war es eine Offenbarung.

Was für andere dunkle Gänge, Felsen und bizarre Steinformationen sind, wurde für die Künstlerin zu einer völlig neuen Welt. Sie begann, Stalaktiten, Stalagmiten und Steinwände zu fotografieren. Doch eigentlich fotografierte sie nicht nur das, was vor ihr lag. Sie entdeckte darin bereits vor Ort das, was ihre Fantasie sie kurze Zeit später malen ließ: Figuren, Gesichter, Landschaften.

Die Höhlen wurden zu ihren Traumwelten.

Aus dieser Faszination entwickelte sich ihre ganz eigene Form der „Speleo Art“. Radwan nahm an internationalen Ausstellungen in Europa, den USA, Australien und Korea teil und wurde mehrfach ausgezeichnet. Auch beim „NSS Speleo Art Salon“ in den USA errang sie erste Plätze.

Ihre Kunst fand Eingang in bedeutende Sammlungen. Eine besondere Arbeit befindet sich in der Sammlung von Papst Johannes Paul II. 2004 durfte Radwan ihm eines ihrer Bilder überreichen.

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

© Nina Mayer

Von Wien nach Gols

Ihr Weg ins Burgenland war Zufall – oder vielleicht Schicksal.

Ihr Atelier in Wien wurde wegen Baumängeln stark von Schimmel befallen. Radwan musste sich nach einem neuen Ort umsehen. Zur gleichen Zeit nahm sie am Golser Kultursommer, der von Erna Beck geleitet wurde, statt. Beck war von Radwans Arbeiten angetan und bat sie, im nächsten Jahr wieder auszustellen. Sie überredete die Künstlerin, nach Gols zu ziehen. Ihr Traum war es, aus dem Ort ein Künstlerdorf zu machen.

Lucja kam. Im Jahr 2000 zog sie ins Burgenland. Aus dem vorübergehenden Ausstellungsort wurde eine Art Heimat. In ihrem Haus in Gols fand sie den Raum, den sie für ihre Kunst brauchte: ein großes, helles Atelier, umgeben von einem verwunschenen Garten.

2024 erhielt sie beim ART-Award der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs den ersten Platz in der Kategorie Malerei und Grafik zum Thema „Zeit des Lichts“. Ausgezeichnet wurde ihr Triptychon „Einfluss des Lichtes, Lurgrotte Semriach“.

Radwans Bilder sind keine bloßen Abbildungen von Höhlen. Die Natur liefert das Ausgangsmaterial, die Künstlerin legt ihre Fantasie darüber. Vielleicht erklärt das auch eine der rätselhaftesten Geschichten, die sie über ihre eigene Malerei erzählen kann.

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

© Nina Mayer

Gesichter aus dem Unbewussten

Mehrmals geschah es, dass sie eines ihrer Bilder Monate später wieder betrachtete und darin plötzlich eine Person erkannte – eine Person, die sie während des Malens gar nicht bewusst dargestellt hatte. Einmal war es das Gesicht ihres Vaters. Besonders auffällig: der Vollbart. Tadeusz Radwan hatte sich seiner Tochter zuliebe für ein paar Wochen einen Bart wachsen lassen. Jahre später entdeckte Lucja sein Gesicht in einem ihrer Bilder wieder.

Und dann gab es dieses andere Gesicht. Ein Sammler Radwans Bilder betrachtete eines ihrer Werke und erkannte darin das Antlitz Adolf Hitlers. Ob Zufall, unbewusste Erinnerung oder die Verarbeitung eines familiären und historischen Traumas? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Doch gerade bei einer Familiengeschichte, in der die Verbrechen des Nationalsozialismus unmittelbar präsent sind, bekommt eine solche Wahrnehmung eine bedrückende Dimension.

Bei Lucja Radwan kommt vieles zusammen: Polen und Österreich, Beruf und Berufung, Dunkelheit und Licht, Natur und Fantasie. Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die ihre Arbeiten so außergewöhnlich macht.

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt

© zVg

Zwei Blicke auf die Natur

Aktuell ist Radwan erneut international unterwegs. Gemeinsam mit dem polnischen Fotografen und Diplomaten Zenon Kosiniak-Kamysz zeigt sie die Wanderausstellung „Echo der Natur. Flüchtigkeit und Dauer“. Seine Naturfotografien treffen auf ihre Malerei. Erste Station war das Museum der Tarnów-Region, weitere sind das Städtische Museum Tuchów und das Geologische Museum in Warschau. Im Herbst soll die Ausstellung nach Österreich kommen.

Zwei Künstler, zwei Zugänge zur Natur: Der eine hält sie mit der Kamera fest, die andere auf der Leinwand.

Lucja Radwan malt nicht einfach, was sie sieht. Sie malt, was ihre Fantasie darin entdeckt. In den Felsen die Figuren. In der Dunkelheit das Licht. In der Natur ganze Welten. Und manchmal in einem Bild ein Gesicht, von dem sie selbst nicht weiß, woher es gekommen ist.

Ihre Bilder hängen in Museen und privaten Sammlungen auf mehreren Kontinenten. Doch ihr eigentliches Reich liegt dort, wo es still wird: in ihrem Atelier in Gols. Dort mischt sie ihre Farben selbst. Schicht für Schicht, Nuance für Nuance. Sie spachtelt, kratzt, formt und sucht, bis aus einem Stück Leinwand eine neue Welt entsteht.

Eine Welt, in der die Dunkelheit nicht das Ende ist, sondern der Anfang.

/
Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© Nina Mayer

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Lucja Radwan

© zVg

Lucja Radwan: Wo Dunkelheit zu leuchten beginnt
Vernissage im Museum von Tarnów

© zVg