Nach ORF-Doku: Burgenland Tourismus mit scharfer Kritik

„Neusiedl ohne See“

Der ORF sorgte mit seiner Dok1 „Neusiedl ohne See“ für verstimmte Reaktionen von Publikum und Land. Der Burgenland Tourismus ist gar nicht erfreut über die Negativbilder zur besten Sendezeit - noch dazu dystopisch überzogen und im Format einer „Mockumentary“.

Von Peter Wagentristl

Bis die Diskussionen zum Neusiedler See abflachen, wird wohl noch viel Wasser die Moson-Donau hinab fließen.

Bis die Diskussionen zum Neusiedler See abflachen, wird wohl noch viel Wasser die Moson-Donau hinab fließen.

© BVZ

„Not amused“ zeigt sich vor allem Burgenland Tourismus-Geschäftsführer Didi Tunkel über die am Mittwoch ausgestrahlte Dok1-Folge „Neusiedl ohne See“. Er kritisiert die zur Primetime ausgestrahlte „Mockumentary“ (ein satirisches Format in der Aufmachung einer Dokumentation; Anmerkung BVZ) - trotz zuletzt deutlich gestiegenem Wasserstand.

Wie wenig erfreut der burgenländische Tourismus über das künstlerische Machwerk von ORF-Star Hanno Settele ist, bringt Tunkel in einem offenen Brief an Settele und ORF-Generaldirektor Roland Weißmann (siehe unten) zum Ausdruck. Die Sendung habe „bei uns, unseren Betrieben rund um den Neusiedler See sowie bei zahlreichen Urlaubsgästen für große Verunsicherung, Verstörung, Ärger und großes Unverständnis gesorgt.“

Nach ORF-Doku: Burgenland Tourismus mit scharfer Kritik

© Klaus Zwinger

Die Kern der rot-goldenen Kritik: „Um es salopp und vielleicht überspitzt zu formulieren: mit einem bestenfalls als Science Fiction oder Satire zu beschreibenden Format, das der ORF tatsächlich als „Doku & Reportage“ tituliert und im Hauptabendprogramm sendet, werden gerade Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet. Mit diesen dystopisch künstlich gestalteten Bilderwelten einer schwarzgemalten ,falschen Realität' haben Sie den Bogen aus unserer Sicht bei weitem überspannt.“

Was war geschehen? Das Format „Dok1“ skizzierte ein dystopisch Zukunftsszenario vom Ende des Neusiedler See: "Hanno Settele will surfen lernen. Es gibt nur ein Problem: Der See ist weg. Ganz weg. Wo einst Fische und Seevögel ihr zuhause hatten, findet Settele nur noch eine brachliegende, ausgetrocknete Steppe vor. Sein Surfbrett kann er da vergessen“, schreibt der ORF im Begleittext. Das plakative Motto: "Kamele statt Karpfen".

Nach ORF-Doku: Burgenland Tourismus mit scharfer Kritik

© ORFBFILM

Nachdem die heimischen Touristiker schon länger bei jedem Anlass - teils begründet, teils überzogen - „Negativberichterstattung“ und „Bashing“ beklagen, kommen die scharfen Reaktionen auf die „Mockumentary“ nicht überraschend. Der Grat zwischen negativen Fakten und Klick-heischender Hysterie ist tatsächlich schmal, oftmals wird schon die Erwähnung des Wasserstandes in den Sozialen Medien als „Schwarzmalerei“ betitelt. Beim jüngsten Aufreger sind die Kritiker aber besonders laut, prominent und zahlreich.

Veritabler „Shitstorm“ nach Ausstrahlung in den Sozialen Netzwerken

Hört auf mit dieser Nonsense Berichterstattung. Der Wasserspiegel hat sich momentan wieder erholt. In Neusiedl herrschen gute Bedingungen. Das ist kreditschädigend. Manuel Riegelbauer auf der ORF-Facebook-Seite.

Also für gewöhnlich steht Hanno Settele für Qualität. Das heut ist ein Wahnsinn. Und ich will nicht wissen, wie viele Leute dieses Szenario für echt halten. Als Neusiedlerin krieg ich das Kotzen. Tina Richter ebenda.

Freilich gibt es auch lobende Wortmeldungen für die Dok1-Folge - und Kritik an den Reaktionen aus dem Burgenland:

In welcher Gruppe wurde da wieder zu Negativkommentaren aufgerufen? Komischerweise, alles Burgenländer. Auch für Euch gilt, die Wahrheit müsst ihr wohl oder übel vertragen. Monika Winalek ebenda.

Hier finden Sie den offenen Brief des Burgenland Tourismus in vollem Wortlaut:

Offener Brief – Protestnote des Burgenland Tourismus

Sehr geehrter Herr Generaldirektor Weißmann,
sehr geehrter Herr Settele,

der am 31. Mai 2023 im Hauptabendprogramm unter dem Titel „Neusiedl ohne See“ als Doku & Reportage / Dok 1 gesendete Beitrag hat bei uns, unseren Betrieben rund um den Neusiedler See sowie bei zahlreichen Urlaubsgästen für große Verunsicherung, Verstörung, Ärger und großes Unverständnis gesorgt.

Nur um Ihnen kurz ein paar Auswirkungen aufzuzeigen: bei uns und in anderen Tourismus-büros und Betrieben rund um den See rufen verunsicherte Menschen an und schenken teil-weise den Darstellungen der Realität – nämlich dass der See genügend Wasser hat (heuer einen leicht höheren Wasserstand als im letzten Jahr) – keinen Glauben mehr, denn die Macht der Bilder, die Sie mit Ihrem Beitrag geschaffen haben, bleiben offenbar gespeichert. Ganz abgesehen von einer Storno-Welle, die eingesetzt hat, denn dass in einer von Ihnen entworfenen Weltuntergangs-Utopie niemand mehr Urlaub machen will, ist nachvollziehbar.

Um es salopp und vielleicht überspitzt zu formulieren: mit einem bestenfalls als Science Fiction oder Satire zu beschreibenden Format, das der ORF tatsächlich als „Doku & Reportage“ tituliert und im Hauptabendprogramm sendet, werden gerade Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet. Mit diesen dystopisch künstlich gestalteten Bilderwelten einer schwarzgemalten „falschen Realität“ haben Sie den Bogen aus unserer Sicht bei weitem überspannt.

Wäre der Beitrag eine ernstzunehmende Dokumentation bzw. Auseinandersetzung mit dem Thema, die den Titel Dokumentation und Reportage verdient hätte, dann wäre es der Ethik geschuldet, journalistische Sorgfalt walten zu lassen und auch die Expert:innen, die seit Jahren mit dem Thema Wasserstand im Neusiedler See beschäftigt sind, zu Wort kommen las-sen oder diese zumindest zu zitieren.

Mein persönliches Angebot, Ihnen bei dieser Produktion als Interviewpartner seitens des Burgenland Tourismus zur Verfügung zu stehen, haben Sie – absichtlich? – nicht angenommen. Die Headline, die Bilder und das damit geschaffene Framing „See ohne Wasser“, das sitzt, leider.

Bitte versuchen Sie sich in die Lage der hunderten Tourismus- und Gastronomiebetriebe rund um den See zu versetzen, denen mit dieser als Dokumentation & Reportage gekenn-zeichneten düsteren Zukunftsvisionen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dage-gen möchten wir auf das schärfste unseren Protest zum Ausdruck bringen.

Herr Settele, Sie waren ja selbst am See. Es stimmt, es ist weniger Wasser im See, allerdings etwas mehr als im Vorjahr zur selben Zeit. Es gibt viele Szenarien, Modelle und Tendenzen, das ist uns allen bewusst, da wird auch nichts beschönigt und die Klima-Krise ist weltweit all-gegenwärtig und stellt uns alle vor massive Herausforderungen.

Aber wenn wir die „Jetzt-Zeit“ damit so unterminieren, dass Gäste den See meiden, haben wir damit auch nichts ge-wonnen und eine Region leidet, ich nehme an, dass das nicht Ihre Intention hinter diesem Beitrag war.

Seit einigen Jahren laufen intensive Bemühungen, um den Neusiedler See als einzigartigen Naturraum langfristig abzusichern. Dazu zählen neben der bereits angelaufenen Schilf- und Schlammbewirtschaftung auch die Prüfung von Möglichkeiten der Wasserzufuhr zum Neu-siedler See, um den Wasserstand in Zukunft zu stabilisieren.

Dass sich nun viele selbster-nannte Retter des Sees, die mit einzigartigen Theorien (die selbstverständlich von den Exper-ten im Land bzw. im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel schon mehrfach überprüft und teilweise auch klar widerlegt wurden) ins Spiel bringen und immer noch apokalyptischere Szenarien zeichnen, hilft niemanden.

Und: aus rein touristischer Sicht kommt es rund um den See derzeit zu keinerlei Einschrän-kungen. Auch das Landschaftsbild, die einzigartige Optik und das typische Neusiedler See-Ambiente in den vielen Hotel- und Gastronomiebetrieben sowie auf den Rad-, Spazier- und Wanderwegen rund um den See ist durch den niedrigeren Wasserstand nicht beeinträchtigt.

Informationen und Live-Bilder vom See und der Region werden von uns vollkommen transparent und in „Echtzeit“ auf dem Portal „fakten.neusiedlersee.com“ dargestellt.

Wir verstehen, dass das nicht die Key-Message von solchen Formaten ist. Wir sind sicherlich nicht humorlos und können mit Satire gut umgehen.

Wenn jedoch Science Fiction und Satire als „Doku & Reportage“ mit solchen künstlich kreier-ten dystopischen Bilderwelten im Hauptabendprogramm gesendet wird, damit eine Region massiv gebasht wird und großer wirtschaftlicher Schaden entsteht, endet unser Verständnis dafür.

Sehr geehrter Herr Generaldirektor Weißmann,
sehr geehrter Herr Settele,

der Schaden in der Region Neusiedler See ist angerichtet. Wir dürfen Sie im Namen der vielen Tourismus- und Gastronomiebetriebe bitten, diese Fiktion in der Berichterstattung des ORF so nicht stehen zu lassen und bitten Sie um dringende Kontaktaufnahme.

Mit freundlichen Grüßen

Didi Tunkel, Geschäftsführer
Kurt Kaiser, Leitung Kommunikation