Zagersdorf/Siegendorf: Glücklich geschieden

Erstellt am 08. Februar 2022 | 05:21
Lesezeit: 3 Min
Vor 30 Jahren endete die „arrangierte Ehe“ zwischen Siegendorf und Zagersdorf.
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„Gemeindestrukturreform“, – unter diesem Schlagwort realisierte Anfang der 1970er-Jahre die heimische Politik zahlreiche Gemeindezusammenlegungen im Land. Als Hauptargument wurde dabei eine Entlastung finanzschwacher Gemeinden ins Treffen geführt, – die Umsetzung blieb freilich nicht immer konfliktfrei.

„Es hat immer geheißen, wir sind die arme Braut und Siegendorf der reiche Bräutigam.“ Josef Zakall

„Als wir hörten, dass wir zusammengelegt werden sollten, waren wir natürlich ein bisschen geschockt“, erinnert sich Josef Zakall, von 1985 bis 1992 SPÖ-Ortsvorsteher in Zagersdorf. Zur Debatte sei auch der Nachbarort Klingenbach gestanden, mit dem es zudem bereits eine Verwaltungsgemeinschaft gab: „Aber Siegendorf war die bessere Lösung. Wir hatten damals ein Budget von zwei Millionen Schilling, damit war man ja fast nicht lebensfähig. Es hat immer geheißen, wir sind die arme Braut und Siegendorf der reiche Bräutigam.“

Zagersdorf habe von der mit 1. Jänner 1971 offiziellen Gemeindezusammenlegung auch durchaus profitiert, einige „tolle Projekte“ – wie Wohnhausanlagen, ein neuer Kanal, ein Rückhaltebecken– seien in der Folge umgesetzt worden, betont Zakall. Seitens der SPÖ als stimmenstärkster Fraktion im Ortsteil habe es auch länger keine Trennungsambitionen gegeben.

Mit der Zeit habe sich vor allem das Thema Finanzen als zunehmendes Problem entpuppt, schildert Zakall: „Wir haben halt nur das bekommen, was uns Siegendorf gab.“ Es sei genau so viel investiert worden, „wie auch in Siegendorf notwendig war“, betont hingegen der Siegendorfer Rudolf Sabara, damals Oberamtmann der Großgemeinde: „Aber es war im Endeffekt wie in so mancher Ehe: Man hat sich mit den Jahren einfach auseinandergelebt.“

Quasi ein „Rebell der ersten Stunde“, war der Zagersdorfer ÖVP-ler und spätere erste Bürgermeister nach der Trennung, Matthias Fritz. Ein markantes Erlebnis sei für ihn die Weihnachtsfeier des SC-Zagersdorf im Jahr 1971 gewesen: „Der damalige Siegendorfer Bürgermeister Josef Mayer äußerte die Hoffnung, Zagersdorf würde in spätestens drei Generationen eine totale Einheit mit Siegendorf sein. Wir waren aber eher das fünfte Rad am Wagen.“ Fritz begann kontinuierlich für eine Trennung mobil zu machen: „Ich wurde belächelt, beleidigt, aber ließ mich nicht in die Knie zwingen.“

„Es gibt noch eine große Verbundenheit.“

Schließlich signalisierte auch die SPÖ-Zagersdorf Trennungswillen. Die Landesregierung habe aber die alleinige Lebensfähigkeit von Zagersdorf in Frage gestellt, so Sabara. Als sich bei einer 1991 durchgeführten Volksbefragung 93 Prozent der Zagersdorfer und 98 Prozent der Siegendorfer für eine Trennung aussprachen, waren schließlich die Würfel gefallen. Man einigte sich über die Schuldenaufteilung, das Land gab letztendlich sein OK, – beide Gemeinden wurden mit 1992 wieder selbstständig.

Nach harten Anfangsjahren habe sich Zagersdorf bestens entwickelt, freut sich der heutige Ortschef Ivan Grujic. Allen Protagonisten sei zu danken, „denn es geht nichts über eine Gemeinde-Identität.“ Das Verhältnis zum ehemaligen „Partner“ sei sehr gut, was auch Bürgermeister-Kollegin Rita Stenger unterstreicht: „Es gibt noch eine große Verbundenheit.“

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