17. Oktober
Wie Neusiedl zur Stadt wurde: Sepp Gmasz auf historischer Spurensuche
Historisches
Seit rund 30 Jahren erforscht Volkskundler Sepp Gmasz die Geschichte von Neusiedl am See. In einem Vortrag im Weinwerk zeichnete er den langen Weg zur Stadterhebung im Jahr 1926 nach. Seine Recherchen führen in Archive zwischen Bratislava und Sopron – und immer wieder zu überraschenden Funden direkt vor Ort.
Mit einer großen Portion Leidenschaft vermittelte Sepp Gmasz die historischen Entwicklungen, die Neusiedl am See schließlich den Status einer Stadt einbrachten.
© Birgit Böhm-Ritter
Geschichte beginnt für Sepp Gmasz oft im Detail. In Archiven, auf alten Urkunden oder in Mauern, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Seit drei Jahrzehnten verfolgt der Volkskundler die Spuren der Vergangenheit von Neusiedl am See. Seine Recherchewege führen in Museen und Archive von Bratislava über Sopron bis Klosterneuburg. Doch die bedeutendsten Hinweise entdeckt er immer wieder in der eigenen Stadt – im Stadtarchiv oder in der historischen Bausubstanz.
Im vollbesetzten Saal des Weinwerks spannte Gmasz den Bogen über mehrere Jahrhunderte. Anlass für den Vortrag ist das Jubiläum der Stadterhebung, die sich heuer zum 100. Mal jährt. Immer wieder erzählt der Forscher von Momenten, in denen eine Entdeckung seine Arbeit beflügelt. Ein mittelalterliches Siegel, eine bislang übersehene Urkunde oder Mauerreste, die eine Vermutung stützen, lassen sein Historikerherz höherschlagen. „Meine Devise ist es immer gewesen, genauer hinzuschauen.“
Die erste schriftliche Erwähnung von Neusiedl stammt aus dem Jahr 1209. In einer Urkunde schenkt der ungarische König Andreas II. dem Adeligen Chepan zwei Orte: Boloct und Sumbotheil – das heutige Neusiedl am See. Bereits damals bestand hier eine Mautstelle. Das deutet auf eine frühe wirtschaftliche Bedeutung hin.
Über das mittelalterliche Ortsbild ist wenig überliefert. Dennoch zeigen einzelne Hinweise, dass Neusiedl mehr war als ein gewöhnliches Dorf. Mehrere ungarische Königinnen hielten sich hier auf. Um das Jahr 1300 lebte Königin Agnes zeitweise im Ort, nachdem sie Neusiedl als Morgengabe erhalten hatte. Auch Königin Beatrix ist für das späte 15. Jahrhundert nachweisbar.
Ein Fund im Ödenburger Komitatsarchiv führte Gmasz zu einer weiteren Spur. Auf dem Siegel des Edelhofbesitzers und Notars Hans Moll erkennt er einen Turm, der stark an den Tabor erinnert. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir hier schon das Wappen von Neusiedl vor uns haben.“ Das bislang bekannte Stadtsiegel stammt aus dem Jahr 1591. Der Fund könnte den Ursprung dieses Symbols um rund 130 Jahre zurückverlegen.
Besonders prägend entwickelte sich im 16. Jahrhundert der Weinhandel. Königin Maria von Ungarn setzte für die Orte der Herrschaft Ungarisch-Altenburg ein Privileg durch: Rust, Jois und Neusiedl durften ihre Weinfässer mit dem Anfangsbuchstaben des Ortes kennzeichnen. „Das war ein Freifahrtsschein durch alle Mautstellen“, so Gmasz. Dadurch konnten die Händler zahlreiche Mautstellen passieren und ihre Produkte bis nach Schlesien, Augsburg oder Ulm liefern. Gleichzeitig untersagte das Privileg die Einfuhr fremder Weine. „Also das war schon eine echte Zollaktion. 500 Jahre vor Trump.“
Der wirtschaftliche Vorteil wirkte unmittelbar. „Und dieser aufblühende Weinhandel hat auch Neusiedl zum Erblühen gebracht.“ In der Mitte des 16. Jahrhunderts setzte ein Bauboom ein. Aus einfachen Häusern entstanden repräsentative Bürgerhäuser. Handwerker wie Tischler, Maurer oder Schlosser fanden Arbeit, Zünfte erhielten eigene Privilegien und Gebietsschutz. Neusiedl entwickelte sich zu einem bedeutenden Handwerks- und Handelsort.
Der wirtschaftliche Aufstieg stärkte auch das Selbstbewusstsein der Bewohner. Schon früh strebten sie nach dem Status einer Stadt. Dazu gehörten typische Merkmale städtischer Entwicklung: reger Handel, wohlhabende Bürgerhäuser, zahlreiche Studenten und eine auffallend hohe Zahl an Edelhofbesitzern.
Um 1570 sind erstmals zwei Markttore belegt. Für Gmasz stellt sich dabei eine logische Frage: Tore allein hätten wenig Sinn ergeben, wenn der Ort sonst frei zugänglich gewesen wäre. Daher vermutet er zusätzlich eine Befestigungsmauer. Als sich die Neusiedler 1643 erstmals um den Status einer Freistadt bewarben, boten sie an, eine solche Mauer zu errichten – ein Vorhaben, das der Grundherr ablehnte. Gmasz hält es dennoch für möglich, dass sie zumindest teilweise gebaut wurde. Im Bereich der Wiener Straße entdeckte er Mauerreste, die diese These stützen könnten.
Trotz mehrerer Anläufe blieb der Wunsch nach politischer Autonomie lange unerfüllt. Auch Bürgermeister Andreas Semmelrock, der ab 1814 die verschuldete Gemeinde sanierte und modernisierte, scheiterte mit seinem Vorstoß. Erst 1926 erhielt Neusiedl schließlich den Rang einer Stadt – nach einem Weg, der sich über Jahrhunderte zog. Diese letzten Schritte will Sepp Gmasz im Rahmen der 100-Jahr-Feierlichkeiten im April skizzieren.