Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt

Ausstellung 1926

Vor 100 Jahren erfand das Tourismusbüro Burgenland den Ausdruck „Das Meer der Wiener“ für den Neusiedler See. Während diese Bezeichnung heutzutage ein bisschen auf unser neues, selbstsicheres Ego drückt, sollte sie sich damals als wirtschaftlicher Geniestreich erweisen.

Von Markus Kaiser

Diese Postkarte aus dem Jahr 1934 ist eine der vielen, die auf die 1931 erstmals ausgestellte Postkarte vom "Meer der Wiener" folge.

Diese Postkarte aus dem Jahr 1934 ist eine der vielen, die auf die 1931 erstmals ausgestellte Postkarte vom "Meer der Wiener" folge.

© zVg

Der Neusiedler See, gelegen in der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie, war eigentlich nie am Radar der Wiener - und wenn dann, nicht unbedingt positiv: Im 18. und 19. Jahrhundert galt die Gegend als „fatale, sumpfige Niederung“ - und das war noch eine der höflicheren Formulierungen.

Zwar feierte der Adel, allen voran die Familie Esterházy, bereits im 18. Jahrhundert glanzvolle Feste an den Ufern, doch für das Bürgertum blieb die Region ein exotisches, oft unheimliches Grenzland. Erst mit der politischen Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das radikal: Als das Burgenland 1921 zu Österreich kam, wurde der See zum Ziel für Wiener Ausflügler, Segler und Badelustige.

Fünf Jahre von der Ersterwähnung zur Durchsetzung

Ziemlich genau vor 100 Jahren müssen die Gläser geklirrt haben im Büro der damaligen burgenländischen Tourismuswerbung, als dort der griffige Slogan „Meer der Wiener“ geboren wurde, um die Sehnsucht der Städter nach dem verlorenen Zugang zur Adria zu stillen. Die früheste bekannte Erwähnung des Slogans findet sich in einem Vorschlag des Wiener Werbebüros des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenlande für ein Inserat der Gemeinde Neusiedl am See vom 4. Oktober 1926.

Und ganz exakt vor 99 Jahren kam es zum ersten Großauftritt der neuen Markenidentität des Neusiedler Sees, bei einer gleichnamigen Ausstellung in den Räumlichkeiten des Kaufhauses Gerngroß auf der Mariahilfer Straße statt, veranstaltet vom Land Burgenland.

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Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt
Das Plakat für die Ausstellung im Wien Museum orientiert sich an der originalen Plakatvorlage von 1927.

© Grafik: Cati Krüger, nach orig. Plakatvorlage von E. A. Dussek, ÖNB

Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt
Neusiedler See wurde vor genau 100 Jahren zum "Meer der Wiener" - das war das damalige Ausstellungsplakat.

© zVg ÖNB

Der erste Gruß vom „Meer der Wiener“ auf einer Postkarte taucht 1931 auf, in den 30er sind es derer bereits so viele, dass man den Slogan als „durchgesetzt“ betrachten muss.

Dazu verholfen hat aber nicht nur der Name, sondern ab 1945 auch das Postkartenmotiv der „Schilfhütte mit Ziehbrunnen“: Die fremdartige Weite des Seewinkels wurde in Reiseberichten gar mit den Steppen Asiens oder der Savanne Afrikas verglichen.

Kunst-Avantgarde und Weltpolitik

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der See nicht nur zum Ziel des neuen motorisierten Massentourismus, sondern auch zu einem Refugium für Künstler und Intellektuelle. Ab den 1960er Jahren entdeckten Wiener Kreative die „archaische Gegenwelt“ der pannonischen Dörfer. Architekten wie Roland Rainer, der das „anonyme Bauen“ der Winzerhäuser pries, oder Bildhauer wie Karl Prantl und Wander Bertoni machten die Region zum Labor der Avantgarde.

Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt

© zVg Verlag F. Hahn/Wien Museum

Gleichzeitig wurde der See zum Schauplatz der Weltpolitik: 1956 flohen zehntausende Ungarn über die Brücke von Andau in den Westen. Jahrzehntelang prägten Stacheldraht und Wachtürme des Eisernen Vorhangs die Erfahrung dieser Landschaft, bis 1989 das „Paneuropäische Picknick“ bei Sopron den Fall der Grenze einleitete.

Touristische Konkurrenz von Donauinsel

Ein entscheidender Wendepunkt für das heutige Bild der Region war der Widerstand gegen eine geplante Seebrücke um 1970. Dieser Protest markiert die Geburtsstunde der modernen österreichischen Umweltbewegung und ebnete den Weg für den 1994 eröffneten Nationalpark.

Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt

© zVg

Der nächste dringend notwendige Imagewandel kam nach dem Weinskandal der 1980er Jahre. Ein beispielhafter Lern- und Selbstkritik-Prozess machte aus einstigen Doppler-Lieferanten international anerkannte Winzer, so kann sich das Gebiet bald als selbstbewusste „Genussregion“ präsentieren.

Die Burgenland-Werbung dürfte so erfolgreich gewesen sein, so viel Kaufkraft von Wien und NÖ ins Burgenland geflossen sein, dass man sich dort ein gigantisches Konkurrenzprojekt einfallen lassen musste: Die Donauinsel wurde zwar primär im Zuge des Donauhochwasserschutzes zwischen 1972 und 1988 errichtet. Aber ein Nebeneffekt war natürlich gewollt: „Das Meer der Wiener ist heute die Neue Donau“, erklärt Sándor Békési, der die Ausstellung „Neusiedlersee. Das Meer der Wiener“, die von 14. Juli bis 23. Oktober 2011 im Wien Museum stattfand, kuratiert hat. Dort läuft auch derzeit übrigens eine dazu passende Ausstellung - über die Entstehung der Donauinsel.

Neusiedler See: „Meer der Wiener“ wird 100 Jahre alt

© zVg