„Bin ein energischer Mensch – mir geht vieles zu langsam“

Esther Heiss im BVZ-Talk

Seit rund eineinhalb Jahren ist Esther Heiss Direktorin des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt und feierte vor Kurzem ihren 30. Geburtstag - Zeit für eine Zwischenbilanz also. Im Gespräch mit der BVZ zieht sie eine erste Bilanz, spricht über archäologische Schätze, wild wuchernde Blauglockenbäume – und über Frauen, die im Burgenland ihre jüdischen Wurzeln wiederentdecken.

Von Markus Kaiser

Direktorin Esther Heiss hat mit viel Einsatz und einem Sofortmaßnahmen-Paket von Bund und Land dem Jüdischen Museum Eisenstadt neues Leben eingehaucht. Um es wieder in einem ganz neuen Licht strahlen zu lassen, braucht sie aber noch wesentlich mehr - und ist eifrig am sammeln.

Direktorin Esther Heiss hat mit viel Einsatz und einem Sofortmaßnahmen-Paket von Bund und Land dem Jüdischen Museum Eisenstadt neues Leben eingehaucht. Um es wieder in einem ganz neuen Licht strahlen zu lassen, braucht sie aber noch wesentlich mehr - und ist eifrig am sammeln.

© Nina Mayer

Wie war Ihr Start in Eisenstadt?
Ich bin ohne großartige Erwartungen gekommen, mir war klar: Ich habe eine Aufgabe, und die werde ich erfüllen. Am Anfang habe ich mich ganz auf die Bestandsaufnahme konzentriert, die Akten des Museumsvereins durchgearbeitet – von der Gründung bis zur letzten Generalversammlung. Das hat Monate gedauert.

Was haben sich dabei für Baustellen aufgetan?
Finanziell und museal war der Start kein leichter. Wir haben mit einem Minus begonnen, sowohl was das Budget betrifft als auch die Standards. Einiges konnten wir schon beheben, aber nicht alles. Ich bin ein energischer Mensch – mir ist vieles zu langsam gegangen.

Wie gestaltet sich die Kooperation mit anderen Einrichtungen in Eisenstadt?
Ich habe bewusst die „Big Player“ angesprochen. Von Esterhazy war ich sehr positiv überrascht – die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv. Auch mit dem Land Burgenland läuft es gut: Landeshauptmann Doskozil war persönlich hier, war schockiert vom Zustand des Hauses und hat schnell reagiert. Von Bund und Land haben wir je 250.000 Euro erhalten.

Was lässt sich mit einer halben Million umsetzen?
Leider nicht sehr viel. Wir müssen den Hof neu verlegen und den Keller sanieren – dort haben wir 32 Rohrbrüche. Die Wurzeln eines schnell wachsenden Blauglockenbaumes dringen überall ein. Der Baum wächst sogar aus dem Kanal vor dem Schlosscafé heraus.

Wie viel wird die Gesamtsanierung kosten?
Wir hoffen, unter zehn Millionen Euro zu bleiben. Allein die Kanalsanierung und die Sicherung des Kellers verschlingen enorme Summen. In einem der Kellerabschnitte findet sich ein ganzer Raum voll Müll, er wurde früher wohl vom Roten Kreuz genutzt und musste nach dem Auszug aus dem Haus anscheinend als Deponie herhalten. Vielleicht finden wir noch Spuren der früheren Bewohner – das Gebäude war zwischenzeitlich auch Wohnraum für drei Parteien.

Wie entwickelt sich die inhaltliche Arbeit?
Wir haben den Freundeskreis des Museums gegründet und engagierte Menschen wie Peter Menasse und Karl Wessely sind nun für den Vorstand vorgesehen. Auch die Kooperation mit der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ist enger geworden, zwei Vorstandsmitglieder des Museums kommen direkt aus der IKG. Mit den jüdischen Museen in Hohenems und Wien gibt es ebenfalls Projekte – etwa ein gemeinsames Interreg-Projekt.

Wie wirkt sich die gestiegene Aufmerksamkeit für jüdische Geschichte aus?
Positiv. Viele entdecken ihre jüdischen Wurzeln, besuchen unsere Chanukka-Feier oder den Jiddisch-Kurs. Wir erklären, was das Judentum ausmacht – wir missionieren nicht, das liegt auch gar nicht im Wesen dieser Religion. In letzter Zeit melden sich vor allem Frauen, die ins Burgenland eingeheiratet haben.

„Bin ein energischer Mensch – mir geht vieles zu langsam“

© Nina Mayer

Den Abriss der davor erst ausgegrabenen Grundmauern der ehemaligen koscheren Fleischerei im Zuge der Ausbauarbeiten des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder konnte das dennoch nicht verhindern…
Die Aufmerksamkeit für solche Themen ist leider gering. Beim Abriss der koscheren Fleischerei wurden archäologische Funde gemacht – aber wir wurden nicht einmal kontaktiert. Ich hätte mir gewünscht, dass wir eingebunden werden. Vieles liegt im Verborgenen, obwohl es bedeutend ist.

Hätten diese Funde Ihre Sammlung erweitern können?
Ja. Uns fehlen vor allem Alltagsgegenstände jüdischen Lebens. Jüngst wurden bei archäologischen Grabungen ein koscherer Fleischerhaken gefunden – ich wünsche mir sehr, dass solche Funde auch den Weg zu uns ins Museum finden. Wir sind keine religiöse Einrichtung, aber eine bedeutende Bildungsinstitution.

Gibt es noch eine jüdische Gemeinde in Eisenstadt?
Nicht im klassischen Sinn. Ich kenne etwa zehn Personen – meist Frauen. Für einen jüdischen Gottesdienst braucht man zehn Männer (einen „Minjan“) – das ist in Eisenstadt leider nicht möglich. Es gibt keinen Gemeinderabbiner, und unser Landesrabbiner Schlomo Hofmeister betreut gleich mehrere Bundesländer.

Was steht als Nächstes an?

Zuerst die Fertigstellung der Sofortmaßnahmen. Danach gilt es den Freundeskreis weiter zu festigen und mit Vorträgen, Events und Ausstellungen die Sichtbarkeit des Hauses stärken. Über das Bundesprojekt „Kulturerbe digital“ wurde bei uns bereits viel digitalisiert. Künftig soll unsere Bibliothek mit über 10.000 Büchern auch entlehnbar werden.

Wie ist Ihr Eindruck von Eisenstadt und dem Burgenland?
Sehr positiv. Die Menschen sind gesellig, herzlich – manchmal fast zu schnell per Du (lacht). Ich wurde offen aufgenommen, und das Museum wird langsam wahrgenommen. In Wien hätte dieses Haus wohl weniger Sichtbarkeit. Ich mag auch den Dialekt – schnell, direkt und angenehm.

Das Jüdische Museum Eisenstadt

Das Judentum im Burgenland

Die ersten jüdischen Spuren im Burgenland reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, eine kontinuierliche Besiedlung setzte jedoch erst im 17. Jahrhundert ein. Am bekanntesten sind die sogenannten Sieben Gemeinden Eisenstadt, Mattersdorf, Kittsee, Frauenkirchen, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz. Sie standen unter dem Schutz der Familie Esterházy und bildeten eine europaweit einzigartige politisch-autonome Struktur. Bis ins 19. Jahrhundert lebten rund 8.500 Juden im heutigen Burgenland, 1921 waren es etwa 3.000.

Geschichte des Jüdischen Museums

Seit 1978 befindet sich das Österreichische Jüdische Museum im Wertheimerhaus im ehemaligen jüdischen Viertel von Eisenstadt. Das Palais wurde Ende des 17. Jahrhunderts für Samson Wertheimer errichtet und ist mit Synagoge, Wohnhäusern, Friedhof und Ghettopfeiler ein bedeutendes kulturhistorisches Ensemble.

Öffnungszeiten (nur noch bis 26. Oktober!): So–Do 10–17 Uhr (Fr und Sa geschlossen). Gruppenführungen sind ganzjährig nach Voranmeldung möglich. Eintritt ab 5 Euro, Führungen 35 Euro pro Gruppe.

So unterstützen Sie das Jüdische Museum

Das Jüdische Museum in Eisenstadt kann über den Verein Freunde und Förderer unterstützt werden. Eine Mitgliedschaft ist in drei Stufen möglich: als Freund/in ermäßigt (45 Euro/Jahr), Freund/in (120 Euro/Jahr) oder Förderer/in (ab 1.200 Euro/Jahr). Die Beiträge setzen sich aus einem Vereinsbeitrag und einer Spende an das Museum zusammen, die steuerlich absetzbar ist.

Mitglieder erhalten zahlreiche Vorteile, darunter freien Eintritt für zwei Personen, einen Ausstellungskatalog pro Jahr, Ermäßigungen bei Konzerten und Studienreisen sowie exklusive Hintergrundgespräche. Förderer profitieren zusätzlich von Werbemöglichkeiten im Newsletter und der Nutzung des Beer Hofmann Salons.

Die Beiträge sind an das Österreichische Jüdische Museum, Bank Burgenland, IBAN: AT30 5100 0910 1443 0400, BIC: EHBBAT2E, zu überweisen.

Über die Direktorin

Esther Heiss, 30 Jahre alt, ist gebürtige Wienerin mit familiären Wurzeln in Nikitsch. Sie studierte Judaistik und Orientalistik (Altorientalische Philologie und Orientalische Archäologie) und war Tutorin am Institut für Orientalistik sowie Universitätsassistentin am Institut für Judaistik der Universität Wien. Neben ihrer akademischen Laufbahn verfasste sie mehrere einschlägige wissenschaftliche Arbeiten.