Mutwillig soll ein Mieter in einem Haus im Bezirk Eisenstadt Verwüstungen verursacht haben. Jetzt wurde er verurteilt.
Das Burgenland liegt auch im Atlantik
Urlaubskolumne
Das Burgenland ist überall, hat BVZ Online-Chef Peter Wagentristl 1.600 Meter über dem Atlantik auf Teneriffa festgestellt. Also, natürlich nicht geografisch, aber kulturell. Eine Urlaubskolumne und ein unabsichtliches Stück kanarischer Lokaljournalismus auf burgenländisch.
BVZ Chef vom Tag und Kolumnist Peter Wagentristl hier nicht von seiner Schokoladenseite, die ist nämlich hinter der Kamera. Dafür ist die Kulisse am Meer in Teneriffa umso schöner.
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Gut, zuerst einmal die offensichtlichen Unterschiede: Die Tenerifeños, wie die Einwohner der spanischen Insel, versteht man als Eisenstädter noch weniger als Apetloner oder Moschendorfer - auch nach sechs Jahren spanisch in der Schule (disculpe, profesora Eisele). Außerdem brennt die Sonne in näher am Äquator noch unerbittlicher als bei uns im „Land der Sonne“.
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Aber schon sehr burgenländisch hat sich die Atlantikinsel angefühlt, als wir auf der Flucht vor touristischen Schnitzel-Pizza-Pasta-Lokalen eine Guachinche - das Pendant zu unseren Heurigen, die selbstproduzierten Wein und Fleisch anbieten - entdeckt haben. Ein Wirt, der mich ziemlich an einen mir gut bekannten Ruster Winzer erinnerte, servierte mir dort Sterz mit Grammeln und Paprika und dazu ein Glaserl Wein, das in einer Blindverkostung auch als leichter Zweigelt aus dem Burgenland durchgegangen wäre. Hätte die Musik mehr nach Tamburica geklungen als nach Flamenco und hätte man nicht von einem steilen Vulkan aufs Meer sondern von einem Weinberg(erl) auf den Neusiedler See geblickt, ich hätte das Szenario als pannonischen Kitsch bezeichnet.
(K)Ein Blick in die rot-goldene Zukunft
Und vielleicht war der Teneriffa-Urlaub auch ein kleiner Blick in die Zukunft des Burgenlands. Nicht nur, weil dank des Klimawandels uns die Sonne auch hierzulande womöglich die Haut verbrennen wird. Auch, weil auf Teneriffa innerhalb von 60 Jahren das Pendel von touristisch unterentwickelt auf „Overtourism“ umschlug (auch wenn in der Nebensaison die eher als Bacherl als in Strömen daherkommen). Graffitis wie „Tourists go home - your luxury trip, our daily misery“ warnen davor, was einer Region blühen kann, wenn sich der Tourismus und seine Infrastruktur nach Profitinteressen von Investoren entwickeln, und nicht nach den Bedüfnissen der Menschen in der Region.

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Freilich sind wir von „Overtourism“ (noch) weit weg und man wird im Burgenland als Tourist auch von Menschen, die nicht direkt von Nächtigungen leben, eher mit „bienvenidos“ begrüßt als mit „salge a casa“ weggejagt. Man sollte die negativen Erfahrungen anderer Tourismusregionen aber warnend im Kopf behalten, wenn Gemeinden kopflos um Hotels werben (miro a ti, Seepark Oggau) oder „in Erwartung neuer Gäste“ ausgebaut wird.
Hotel Neptuno - eine Ruine als Mahnmal
Eigentlich wäre meine Urlaubskolumne hier zu Ende (uns sie ist es in der Printausgabe auch platzbedingt). Hätte mich da nicht eine imposante Hotelruine tief bewegt und mein journalistiches Interesse so lange gekitzelt, bis ich gegen diesen Juckreiz etwas unternehmen (also: schreiben) musste.
Ein Sinnbild für fehlgeleiteten Tourismus ist das Hotel Neptuno in Bajamar in Teneriffa. Beziehungsweise: Was davon übrig ist. Aus journalistischer Neugier, die natürlich auch mit in den Urlaub fliegt, bin ich in das Herzstück der ehemals zweitwichtigsten Tourismusgemeinde der Insel - die zwar zu Spanien und somit zur EU gehört, aber geografisch zu Afrika zählt - eingestiegen und habe auch zu seiner Geschichte recherchiert.

© Fotos antiguas de Tenerife
In den 1960er Jahren als Symbol des touristischen Aufschwungs gebaut, zog das Hotel Neptuno neue Gästeschichten - vor allem aus Deutschland, Österreich und Nordeuropa - in die gleichzeitig florierende Tourismusgemeinde. Touri-Attraktionen poppten nur so aus dem Boden: Bars, Discos, Restaurants, Souvenirshops, etc. Und damit gingen auch die Mieten, Haus- und Grundpreise ordentlich „arriba“.
Einige Jahrzehnte später setzte aber der Boom im Süden der Insel ein, da dieser besser mit Straßen und einem Flughafen erschlossen wurde. Neuere Hotels waren attraktiver und moderner als jene in Bajamar. In Folge ging es mit Bajamar nicht mehr arriba sondern abajo, also bergab.
La cuenta por la gente? Wer zahlt die Rechnung?
Clubs schlossen, Restaurants kämpften finanziell, Hotels verkamen weil kein Geld für Investitionen da war. Das einzige was nicht den Bach hinunterging, waren die Immobilienpreise. Bei Haus und Grund hofft man bis heute auf findige Investoren, die mit Luxusappartements potente europäische Investoren an Land ziehen - die dann wiederum von Zweitwohnsitzlern nur wenige Wochen genutzt werden und keinen Mehrwert für die Region bringen. Gut steigen vor Ort dabei nur wenige findige (windige?) Geschäftemacher aus, die beim Profit der meist ausländischen Investoren etwas mitnaschen dürfen.
Den Gemeinden bleibt dann nur etwas wie das Hotel Neptuno: „Ein Symbol des touristischen Niedergangs“, wie es kanarische Medien nach elf Jahren des Verfalls formulierten - also im Jahr 2018.

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2007, nach Jahren wirtschaftlicher Probleme, schickten die Investoren die Betreiberfirma in die Insolvenz. Seither geschah mit dem Hotel: nichts. Zumindest nichts produktives. Das Hotel wurde dem Verfall preisgegeben, sichtbar an Graffitis, Bränden und einfallenden Gebäudeteilen. Das Gebäude wurde zum akuten Sicherheitsrisiko erklärt und schließlich wurde 2016 ein Abrissbescheid verhängt.
Die Eigentümer unternahmen daraufhin: nichts. Sämtliche Bescheide wurden ignoriert. Vandalen beschädigten weiter Hotel und Ansehen der Gemeinde wie auch den guten Ruf des Tourismus bei den Inselbewohnern. „Tourists go home“ Graffitis breiteten sich aus. Die Gemeinde und Verwaltungsbehörden prozessierten jahrelang, die Hotelruine blieb.
Burgenland darf nicht Bajamar werden
Eine Bürgerinitiative wurde gegründet und ignoriert. (Im Burgenland völlig undenkbar; sarkastische Anmerkung des Kolumnisten). Ihr Vorschlag: Die Gemeinde soll das Hotel abreißen und an seiner Stelle einen Busparkplatz errichten, um - gezielt und gesteuert! - Touristen (wieder) nach Bajamar bringen zu können, ohne Verkehrschaos. Dazu beinhaltete der Vorschlag auch einen Park für die Gemeindebürger - in solchen verbringen die Tenerifeños einen guten Teil ihrer Freizeit, oder auch auf Plazas. Hier hält die Burgenland-Analogie nicht stand.

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Was ist also seit dem Abrissbescheid passiert? Sie ahnen es: nichts. Anfang des Jahres 2025 dann aber die Ankündigung: Das Hotel soll nun endgültig abgerissen werden, sogar konkrete Berechnungen gibt es dazu. 737.000 Euro wird der Abriss kosten, die Gemeinde will den Betrag von den Eigentümern exektuieren - was schwierig bis unmöglich, jedenfalls aber zeit- und kostenintensiv wird. Ob Burgenland, Teneriffa, oder sonst wo auf der Welt: Im Zweifelsfall zahlt meist der Steuerzahler. Rene Benko und Martin Pucher lassen grüßen - es gilt die Unschuldsvermutung.
Einen Abriss durch die Eigentümer müsste wohl weitere Jahre lang vor Gerichten in aller Welt erstritten werden - oder die Gemeinde reißt das Gebäude auf Eigeninitiative ab. Diese Maßnahme müsste allerdings wohl mit Enteignungen einhergehen. Andernfalls wäre der Effekt nur, dass die Investoren, die seit 2007 nichts als Schaden für Bajamar angerichtet haben, auf Kosten der Allgemeinheit einen revitalisierten Bauplatz für neue Profite bekommen würden.
Para llevar - zum Mitnehmen
Die Moral von der Geschicht: Lokaljournalisten, die ihre Arbeit mit corazón machen, können auch tausende Kilometer von ihrem Zuständigkeitsgebiet entfernt die lokaljournalistische (Sonnen)Brille nicht absetzen.
Und: Wer sich vor steuernden Eingriffen der Politik und Verwaltung in Tourismus und regionale Entwicklung fürchtet, der möge nach Bajamar auf Urlaub fliegen und dort vielleicht andere Perspektiven auf herrschende ökonomische und philosophische Betrachtungen zum Tourismus gewinnen. Profitinteresse ist eine schlechte Grundlage für regionale Entwicklungskonzepte - con la cuenta por la gente. Die Rechnung zahlen die Menschen vor Ort.

© Fotos antiguas de Tenerife
Bei allen überraschenden Ähnlichkeiten: Das Burgenland ist nicht Teneriffa. Und da ist gut so.
Nicht falsch verstehen: Die Insel ist traumhaft schön, die Menschen herzlich und offen. Sozialer Austausch im öffentlichen Raum ist auch für die kanarischen Spanier quasi der Sinn des Lebens und im positivsten Sinne unösterreichisch. Das Essen schmeckt fantastisch (Veganer haben es hier allerdings schwer) und der Wein kann mit dem Burgenland mithalten.
Im Vergleich zu den Färöer Inseln war Teneriffa außerdem sehr erschwinglich, im Gegensatz zur letzten Urlaubskolumne kostete mich diese nur ein und nicht mehrere Monatsgehälter.
Und mehr gelebte Inklusion als auf Teneriffa habe ich überhaupt noch nirgends erlebt. Barrierefreiheit ist dort so selbstverständlich und konsequent vom Restaurant-WC bis zum Strand umgesetzt, das man sich im viel reicheren Österreich eigentlich schämen sollte.

© Fotos antiguas de Tenerife
Alles Punkte für Teneriffa. Aber: Sogar in den touristischen Hotspots wie Rust, Podersdorf und Bad Tatzmannsdorf haben die Bewohner auch in der Hochsaison noch großteils das Gefühl, dass das Dorf (in Rust bitte „die Freistadt“!) ihnen gehört, nicht den Touristen. In Teneriffa haben die Menschen dagegen meinem Eindruck nach das Gefühl, dass sie auf der Insel leben dürfen, zumindest dort wo und so lange bis ihre Heimatregion nicht dem Tourismus ausverkauft wird.
Das Video ist nicht nur ein weiterer Beweis dafür, wie diskriminierungsfrei Teneriffa gegenüber Menschen mit Behinderung ist, sondern auch ein Sinnbild für touristische Dekadenz - denn diese rollstuhlartigen Scooter mieten sich hier auch gehfaule Touristen mit eigentlich gesunden Beinen. Vergleiche mit E-Bike-Fahrern im Burgenland spare ich mir (fast).
Eine Entwicklung, die es im Burgenland so nicht gibt - Anzeichen davon sind aber hier und da durchaus erkennbar. Das Hotel Neptuno und Bajamar sollten uns als Mahnmal dienen, wohin profitorientierter Tourismus uns führen kann. Vielleicht blüht der ein oder anderen Gemeinde auch eine Bajamaisierung, wenn Ortschefs in Erwartung dicker Investments große Augen bekommen und Projekte durchwinken, die sich später vielleicht als Hotel Neptuno entpuppen.
Von diesen extremen Formen touristischer Ausbeutung sind wir im Burgenland zum Glück (noch?) weit entfernt. So schön der Inselurlaub auch war, zwischen Hotelburgen und „Flamenco turistica“ oder in einem Symbolbild für wirtschaftlichen Niedergang will man definitiv nicht leben.
Trotzdem: Ich hätte den Urlaub gerne so lange überzogen wie das Zeichenlimit für diese Kolumne. Hasta la próxima, Tenerife!
P.S.: Nach Stefanie Werger auf Dauerschleife geht mir die Nummer nicht mehr aus dem Kopf, daher auch für ihr, liebe Leserinnen und Leser - nach den gesamten 10.000 Zeichen Urlaubskolumne sind wir per du - ein austro-kanarischer Ohrwurm.