Die BVZ bietet einen Überblick zu den Veranstaltungen von 29. Oktober bis 4. November.
„Erst kurz vor seinem Tod begann mein Vater über den Mord zu reden“
Burgenland 1921
Vinzenz Szagmeister wurde 1921 vor den Augen seines erst elfjährigen Sohnes Josef von Freischärlern des gefürchteten Pál Pronay erschossen. Sein Leben lang schwieg Josef, erst wenige Wochen vor seinem Tod erzählte er seinem Sohn Otto davon. Das ist seine Geschichte.
"Ein später Wiedergutmachungsversuch", blickt Otto Sagmeister auf das Haus, das aus den Mitteln der Entschädigungskommission errichtet worden war.
© Fotos: BVZ/Kaiser
Vom 29. August bis 30. November 1921 herrschten in Deutsch-Westungarn - dem sozusagen Noch-nicht-Burgenland - „Freischärler“ genannte, paramilitärische Einheiten, die den Anschluss an Österreich verhindern wollten. In dieser Zeit gibt es 17 dokumentierte Morde an Zivilpersonen, wobei die Betonung leider auch auf „dokumentiert“ liegt: Viele Kinder der so vielen bettelarmen Familien schienen nie einem katholischen, protestantischen oder jüdischen Tauf- oder Sterbebuch auf, sahen keine Schule, Krankenhaus und Kaserne von Innen. Sie lebten unter unseren Großeltern, existierten aber offiziell nie.
Dazu kam, dass die Bildungsschicht aus ungarischen Lehrern, Pfarrern und Beamten bestand, die die Dokumente - sofern sie sie nicht gleich entsorgt hatten - nach Budapest oder Ödenburg mitnahmen. Dort gab es wenig Interesse, die Rechtsangelegenheiten der verloren gegangenen Regionen (zwei Drittel des historischen ungarischen Staatsgebietes!) sorgsam zu archivieren.
Die Aktenlage ist also dünn, vieles muss daher „Oral History“ also rein mündlich und nicht in Büchern und Akten überlieferte Geschichte bleiben. Wie der zuletzt behandelte und bisher nie dokumentierte Mord in Sieggraben an Josef Holzer. In dieser Woche geht es nach Litzelsdorf, wo es einen ebenfalls bisher unbekannten, dafür aber dokumentierten Mord gibt.
Nach der dritten Frage fielen die Schüsse
Diese Geschichte beginnt eigentlich mit einem Feigenbaum. Den soll Vinzenz Szagmeister aus Kroatien mitgebracht haben, wo er rund um den Ersten Weltkrieg Zeit verbracht hat. Er pflanzte ihn vor seinem Haus in Litzelsdorf ein und brachte ihn durch die (damals noch) kalten pannonischen Winter.

© Fotos: BVZ/Kaiser
Links neben dem Haus, auf der anderen Seite der damals nur aus Lehm bestehenden Straße, wohnte die „Bieber Mitzl“ genannte Nachbarin. Sie hatte noch ein weiteres Grundstück auf der anderen Seite des Szagmeister-Hauses wo ihre Kühe weideten. So auch am 11. September 1921, da entschloss sich Mitzl zu einem folgenschweren Umweg: Um den lehmigen Weg zu umgehen, schlüpfte sie durch den Zaun aufs Szagmeister-Grundstück.
Genau an diesem Tag waren die Freischärler hinter der Mitzl her, laut Dorfchronik, weil sie diese für eine Diebin hielten. Dass es auch andere, unschönere Gründe für die Verfolgung der wehrlosen Frau gegeben haben könnte, kann leider auch sehr gut sein.
Jedenfalls kam eine Bande an Freischärlern vom Dorf kommend den Berg hinauf. Sie fragten Vinzenz Szagmeister nach seiner Nachbarin, freilich auf Ungarisch. Als der nicht antwortete, wiederholten sie die Frage erneut auf Ungarisch, diesmal aber schon unhöflicher. Als er nach der dritten Wiederholung immer noch nicht geantwortet hatte, nahm der Anführer der Bande seine Waffe und schoss dem Weltkriegs-Veteran in Lunge und Magen. Er sollte seinen 70. Geburtstag, der in wenigen Monaten gewesen wäre, nicht mehr erleben. Mit einer durchschossenen Lungen hatte man damals keine Überlebens-Chancen, er starb an Ort und Stelle. Neben ihm stand sein fassungsloser elfjähriger Sohn Josef. Und dieser hätte diese Geschichte fast ins Grab mitgenommen.
„Würde Mörder heute noch wiedererkennen“
Otto Sagmeister (nun in der deutschen Schreibweise des Familiennamens) sitzt in seinem Haus, wenige Autominuten vom Tatort entfernt. Er hat die Familiengeschichte sauber dokumentiert, in Folien liegen Kopien der Sterbematriken der Gemeinde. Diese sind spärlich, mehr als „römisch-katholisch“, den Namen der Mutter sowie „Lungen- und Magenschuss“ gab es damals anscheinend nicht zu sagen.
Konnte oder wollte der Großvater den Freischärlern nicht antworten? „Das werden wir nicht mehr erfahren. Ungarisch-Grundkenntnisse waren früher jedenfalls üblich“, seufzt Sagmeister mit Blick auf seine Akten.
„Mein Vater hat sein Leben lang kein Wort darüber erzählt, ich kannte die Geschichte nicht einmal, nur einmal im Wirtshaus haben ältere Herren darüber geredet, damals gab mein Vater mir auf Nachfrage nur äußerst widerwillig und knappe Antworten“, erzählt er. Die Freischärler hatten sich nämlich mit Blut in die Dorfgeschichte eingeschrieben: Sie ließen nach dem Mord viele Männer des Dorfs bei der Kirche aufstellen und droschen derartig brutal auf sie ein, dass einem sogar eine Hand gebrochen wurde.

© Litzelsdorfer Sterbematriken
2001 wurde der Vater krank - „und auf einmal sprudelte es nur so aus ihm heraus“. Keine fünf Wochen vor seinem Tod habe er zu seinem Sohn gesagt: „Wenn der jetzt bei der Tür reinkommt - ich erkenn ihn sofort wieder.“ Richtig tiefe Wunden auf der Seele verheilen eben auch 80 Jahre später nicht.
„Einen Goldzahn hat er gehabt“, erinnert sich Sagmeister an die Erzählung seines Vaters. Der stand damals mit fünf Geschwistern alleine da. Und das mitten in der bitteren Armut der Zwischenkriegszeit.
Doch noch eine Art Gerechtigkeit erfahren
„Die junge Republik“, nennt Sagmeister - Jahrgang 1943 - Österreich, „hat die Großmutter dann aber von einer dafür geschaffenen Kommission entschädigt.“ Es war nicht viel Geld, aber es brauchte 1924 auch deutlich weniger als heute, um sich ein Haus zu bauen. Mit diesem bildet der alte Szagmeister-Hof nun ein „U“, umarmt sozusagen den Tatort. Die Freischärler der Zukunft (Gott bewahre!) können sich nicht mehr von der Seite anschleichen.

© Fotos: BVZ/Kaiser
„Ich müsste ja eigentlich den Ungarn böse sein, sie haben ja den Großvater ermordet. Ich bin es aber nicht, der Vater war es auch nie“, weiß Sagmeister die Ungarn von den Freischärlern zu unterscheiden. Dass diese die ungarische Sache als Ausrede für ihre Bösartigkeiten missbraucht haben, liegt auf der Hand.
In der Mitte dieses „U“ steht das Enkerl des Ermordeten nun und schaut auf den Zubau. „So ist meiner Großmutter doch noch eine Art Gerechtigkeit widerfahren“, sagt er. Die Sonne scheint, die Blumen blühen, es ist eigentlich viel zu schön für so ein trauriges Thema.
Ein Schlusswort Sagmeisters sei noch mitgegeben: „Ich habe mich bei der BVZ gemeldet, weil mein Großvater nicht in der Liste der Opfer aufgeschienen ist. Dass er vergessen wird, hat er sich nicht verdient.“

© Fotos: BVZ/Kaiser