Ein Dach mit Symbolkraft: Schilf als Baustoff

Darüber spricht das Land

„Man hat es vor der Haustür“, sagt Jacobus van Hoorne über jenes Material, mit dem er selbst sein Haus deckte. Und damit den „Bauherr*innenpreis 2024“ gewann. Die Rede ist von Schilf, auf das man nicht nur nach der Ansicht van Hoornes als Baustoff stärker zurückgreifen sollte.

Von Elisabeth Kirchmeir

Anlieferung des Schilfdach-Modells: Nikolaus Gartner und Turi Benedek vom ArchitekturRaum Burgenland mit Jacobus Van Hoorne (v.l.).

Anlieferung des Schilfdach-Modells: Nikolaus Gartner und Turi Benedek vom ArchitekturRaum Burgenland mit Jacobus Van Hoorne (v.l.).

© Wolfgang Millendorfer

Wie Schilf als Dachdeckung verwendet wird, kann man sich ab 5. April 2025 (Eröffnung am 4. April mit einem Vortrag von Jacobus van Hoorne) im Architekturraum Burgenland in Eisenstadt anschauen. Am Montag dieser Woche lieferte Schilfdecker Jacobus van Hoorne eigenhändig ein Modell eines Schilfdachs in den Ausstellungsraum. Bis 12. Juni werden in der Architekturgalerie die prämierten Projekte des Bauherr*innenpreises 2024 gezeigt.

Das schilfgedeckte Einfamilienhaus in Weiden, in dem Jacobus van Hoorne mit seiner Frau und seinen drei Kindern wohnt, ist das erste burgenländische Siegerprojekt beim Bauherr*innenpreis seit dessen Premiere im Jahr 1967. Geplant hat das Haus Gilbert Berthold, ein Freund des Auftraggebers. Die beiden hatten sich in jenem Jahr kennengelernt, als Jacobus van Hoorne in Wien Architektur studierte, bevor er auf Teilchenphysik umsattelte.

Dann kehrte er vom CERN in der Schweiz nach Österreich zurück und stieg in den Schilfschneider- und Schilfdachdeckerbetrieb seines Vaters ein. „Wir ernten rund um den Neusiedler See“, erzählt er. Ein kleiner Teil des Schilfes wird für die Dachdeckung in Österreich verwendet. Im April wird van Hoorne ein Freilichtmuseum im Ötztal mit Schilf decken, dazu kommen Dächer im Südburgenland oder in der Südsteiermark, die zuvor mit Getreidestroh gedeckt waren.

100 Quadratmeter Schilfwuchsfläche braucht man für einen Quadratmeter Schilfdach. „Ein Drittel des Burgenlandes könnte man mit der jährlichen Ernte mit Schilf decken“, überlegt van Hoorne. 50 Jahre hält ein Schilfdach und wenn man es abnimmt, trennt man das Schilf von den Drähten, entsorgt das organische Material am Kompost und verwendet die Drähte weiter. Ökologischer geht es kaum. Zumal Schilf eine „CO2-Senke“ ist, also das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid bindet.

„Die Bauwirtschaft verursacht ein Drittel des CO2-Ausstoßes“, informiert Nikolaus Gartner, künstlerischer Leiter im Architekturraum Burgenland. Insbesondere die Herstellung von Ziegeln sei energieintensiv. „Deshalb sollte man sich bemühen, vorhandene Bauten wiederzuverwenden oder nachwachsene Rohstoffe zu wählen.“ Er kritisiert, dass Materialien finanziell gefördert werden, die nicht nachhaltig sind. „Dadurch werden ökologisch sinnvollen Bauweisen teurer“, sagt er.

Ein Dach mit Symbolkraft: Schilf als Baustoff

© zVg

„Hier muss ein Umdenken passieren“, wünscht sich der Forchtensteiner Architekt Norbert Reithofer. „Ökologische Produkte sind bei der Anschaffung teurer als herkömmliche, weil sie keinen Massenproduktionen entstammen. Stellt man aber eine Lebenszyklusüberlegung an und berücksichtigt Rückbau und Wiederverwendung versus Deponierung, sind sie mindestens gleichwertig.“

Reithofers Privathaus ist ein „Langstreckhaus in Holzbauweise“ mit Lehmputz und Gründach. Die Sonderschule in Mattersburg führte er ebenfalls mit Lehmputz und Gründach aus, für die Stadt Mattersburg errichtete er einen zweigeschoßigen Vollholzkindergarten

Die Dämmwirkung von 30 Zentimeter Schilf ist vergleichbar mit einem gedämmten Ziegeldach. Preislich sei zwischen beiden kein Unterschied, wenn man die hohe Dämmwirkung einberechnet, informiert van Hoorne. Auch mit anderen Vorurteilen gegenüber dem Schilf will er aufräumen: „Ungeziefer gibt es im Schilf keines, weil es für dieses nichts zu fressen gibt.“ Mit dem richtigen Aufbau ist ein Schilfdach brandsicher, wie van Hoorne in einer Versuchsanordnung nachweisen konnte.

Ein Dach mit Symbolkraft: Schilf als Baustoff

© zVg

Die Schilfernte am Neusiedler See ist gerade vorbei: Wegen des Vogelschutzes darf Schilf nur zwischen 15. November und 15. März geschnitten werden. Weil sich der Herbst manchmal bis Weihnachten zieht, kann Schilfschneider Markus Brunner immer öfter erst im Jänner zu ernten beginnen. „Es muss frieren, damit die Blätter abfallen. Schilf mit Blättern lässt sich nicht verkaufen“, berichtet er.

Mit fünf Mitarbeitern und einem Praktikanten erntet er auf einer 1.000 Hektar Pachtfläche zwischen Purbach und Donnerskirchen jährlich zirka 300 Hektar Schilfbestand ab. Er verwendet eine umgebaute Pistenraupe, die vorne ein Mähwerk und hinten eine Ladefläche hat.

„Wir schneiden bis zirka 1,5 Kilometer hinein, der Schilfgürtel reicht bei Purbach aber vier Kilometer bis ins offene Wasser“, berichtet Markus Brunner. Der nicht bewirtschaftete Altbestand ist ein Problem. Das Monitoring Schilfgürtel Neusiedler See, publiziert 2022, ergab, dass bereits 2020 die Hälfte des Schilfgürtels von abgestorbenem Bruchschilf dominiert war, das für Schilfvögel als Lebensraum nicht mehr geeignet sei.

Den Altbestand zu entfernen, wäre technisch möglich, meint Markus Brunner. „Aber es wäre unwirtschaftlich.“ Das abgestorbene Schilf könne man nicht verwenden. Und seine Raupe bewegt sich nur mit 2 km/h vorwärts: Viel zu langsam, um damit bis zum offenen Wasser hinaus und zurück zu fahren.

„Fünf Schilfschneidebetriebe am See ernten nicht einmal 10 Prozent der Fläche“, sagt Markus Brunner. Mit bedenklichen Folgen: „Das ist so, wie wenn man die Almen in Westösterreich nicht bewirtschaftet - sie würden verbuschen.“ Effektiv sei nur eine zyklische Verjüngung des Altbestandes durch kontrolliertes Abbrennen, meint der Betreiber der Firma ReedMax.

Ein Dach mit Symbolkraft: Schilf als Baustoff

© Wolfgang Millendorfer

Im Gespräch: Jacobus van Hoorne

Jacobus van Hoorne ist der erste burgenländische Preisträger des Bauherrenpreises, der seit 1967 für architektonisch herausragende Projekte vergeben wird. Das Schilf, mit dem sein preisgekröntes Wohnhaus gedeckt ist, hat er selbst am Neusiedler See geerntet. Wir haben mit dem Quantenphysiker, der vom CERN in der Schweiz ins Burgenland wechselte, um in Weiden am See in die Schilfdecker-Firma seines Vaters einzusteigen, gesprochen.

BVZ: Warum haben Sie sich entschieden, Schilfdächer anzufertigen?

Jacobus van Hoorne: Wir sind holländischischen Ursprungs. Mein Vater ließ sich Anfang der 1980er-Jahre im Burgenland nieder, die Familie kam nach, ich bin hier schon aufgewachsen. Dass ich in seinen Betrieb einsteige, war zunächst nicht vorhersehbar. Ich habe studiert, arbeitete bei CERN. Das Arbeiten in der Natur hat mir schon immer gut gefallen: Dass man von der Ernte bis zum Dach alles in der Hand hat.

Heute schaue ich dem Schilf beim Wachsen zu - das ist schön. Die Arbeit ist auch als Handwerk interessant. Und mir gefiel die Herausforderung, dem Schilfdach in Österreich Wertschätzung zu verschaffen.

Welchen Stellenwert haben Schilfdächer in Österreich?

Eigentlich ist es eine absurde Situation. Wir haben in Österreich das größte Schilfvorkommen Europas und könnten mit der jährlichen Ernte 500 Einfamilienhäuser eindecken. Realisiert werden aber nur fünf! 99 Prozent der Ernte werden exportiert. Noch vor 100 Jahren waren viele Häuser in Seegemeinden mit Schilf gedeckt, bis dann der Dachziegel kam. In Holland sind Schilfdächer etwas Wertvolles und Luxuriöses. In Österreich bekamen sie lange Zeit kaum Wertschätzung.

Ein Argument gegen das Schilfdach war bislang der Brandschutz. Welche Erkenntnisse haben Sie dazu gewonnen?

Wir haben mit einem angepassten Dachaufbau Brandversuche gemacht und konnten nachweisen, dass ein korrekt ausgeführtes Schilfdach keine Brandgefahr darstellt. Dank dieser Ergebnisse ist es jetzt einfacher, die behördliche Genehmigung für ein Schilfdach zu erhalten. Ich erwarte mir dadurch mehr Nachfrage.