Jakob M. Perschy: „Ich bin und bleibe ganz einfach ein Buchmensch“

Interview der Woche

Mit dieser Leidenschaft geht man eigentlich nie in den Ruhestand; Jakob Michael Perschy hat es jetzt gemacht: Als pensionierter Leiter der Landesbibliothek bleibt er dem geschriebenen Wort aber weiter treu, wie er der BVZ im literarischen Plausch erzählte.

Von Wolfgang Millendorfer

Jakob Michael Perschy. Der nunmehr pensionierte Leiter der Landesbibliothek ist leidenschaftlicher Leser und vor allem auch ein großartiger Geschichtenerzähler.

Jakob Michael Perschy. Der nunmehr pensionierte Leiter der Landesbibliothek ist leidenschaftlicher Leser und vor allem auch ein großartiger Geschichtenerzähler.

© Wolfgang Millendorfer

BVZ: Fast 37 Jahre lang haben Sie zum Fixbestand der Landesbibliothek gehört. Die Frage mag rhetorisch klingen, aber wie schwer fällt einem da der Abschied?

Jakob M. Perschy: Emotional wird es mir ja nicht gelingen, die Wurzeln zur burgenländischen Literaturszene zu kappen, da werde ich also treu bleiben. Ich bin und bleibe ganz einfach ein Buchmensch. Und letztlich habe ich mit Büchern alles gemacht, was man damit machen kann: verkaufen, verleihen, sehr viele selbst lesen, lektorieren, rezensieren, herausgeben und dann auch selbst schreiben.

Bibliothekar war also immer schon der Traumjob?

Nach der Matura habe ich eine Buchhändler-Lehre gemacht und wollte zuerst Verleger werden. Dazu fehlt mir aber die kaufmännische Ader. Dann war für mich klar, dass ich in der Bibliothek arbeiten möchte, und deshalb ist das Buch für mich wirklich lebensbegleitend.

Die Leitung der Landesbibliothek bringt sozusagen die Verantwortung über das Wissen des Landes mit sich. Wie geht man damit um?

Ich vergleiche den Beruf des Bibliothekars gerne mit dem des Landschaftsgärtners: Denn wenn der Bäume pflanzt, weiß er auch nicht genau, was aus ihnen wird. Wenn wir also Bücher sammeln, wissen wir nicht, welche in 100 Jahren wichtig sein werden und welche nicht.

Was kann das Burgenland da in 100 Jahren vorweisen?

Das Besondere an der Landesbibliothek ist, dass sie nicht nur all das umfasst, was an heimischen Druckwerken und auf burgenländischem Boden erscheint, sondern es ist vor allem auch das große Fenster in den Osten. Das hat sich sozusagen auf natürliche Weise ergeben, und wir halten es weiter geöffnet.

Burgenländische Geschichte, das bedeutete vor der Entstehung des Landes tausend Jahre ungarische Geschichte. Daher sind viele ungarische Geschichtswerke, und viele davon in deutscher Sprache, in die Bibliothek eingeflossen. Genauso wie später Romane, von denen man annimmt, dass sie vielleicht einmal historisch wertvoll werden könnten.

Jakob M. Perschy: „Ich bin und bleibe ganz einfach ein Buchmensch“

© Wolfgang Millendorfer

Die Werke burgenländischer Autorinnen und Autoren werden seit jeher in ihrer Gesamtheit gesammelt. Und Sie selbst sind auch Teil ein gewichtiger der Literaturszene ...

Es ist schön, was ich in dieser jetzt doch schon langen Zeit miterleben konnte. Als ich jung war, hat die Literaturszene im Burgenland einen kleineren Kreis umfasst. In den 1980er-Jahren ist eine wirklich lebendige Szene entstanden – bis heute. Da spielt das Literaturhaus Mattersburg eine ganz wichtige Rolle, ebenso wie die edition lex liszt 12 als dynamischer und auch junger Verlag.

Sie haben immer sehr aktiv geschrieben. Wird es in der Pension jetzt der ganz dicke Roman werden?

Ich habe zwar schon ein paar Projekte im Kopf, das würde ich aber lieber nicht besprechen (lacht). Da bin ich abergläubisch.

Dass Sie schreiben wollen, das darf man bestimmt sagen ...

Das darf man sagen! Wenn ich in den vergangenen Jahren weniger geschrieben habe, dann war das schon auch aufgrund beruflicher Belastung. Besser gesagt: Wenn du jünger bist, dann macht dir das nichts aus, wenn du den ganzen Tag lang am Computer gesessen bist und dich am Abend nochmal hinsetzt. Ich erzähle mir die Geschichten stattdessen dann einfach selbst.

... und dann kommt's gleich ins Notizbuch?

Nein, das Meiste habe ich im Kopf! Beim Spazierengehen oder vor dem Einschlafen erzähle ich mir eben Geschichten. Und eigentlich werden sie dabei immer kürzer. Ich lasse die unwesentlichen Sachen weg, und irgendwann denke ich mir: Jetzt passt alles – und dann schreibe ich es erst auf.

Und Sie haben gar keine Sorge, dass Sie irgendwo dazwischen was vergessen könnten?

Ich habe sicher schon einige Sachen vergessen, die vielleicht ganz gut gewesen wären ...

Ihnen fällt aber immer wieder etwas Neues ein?

Damit habe ich keine Probleme. Meistens sind es ja Geschichten, die mich selbst etwas angehen, mich betreffen. Ich habe auch einmal eine Geschichte veröffentlicht, die ich geträumt hatte. Damit hatte ich ein bisschen Schwierigkeiten, weil ich mir das ja gar nicht ausgedacht habe. Aber dann habe ich beschlossen: Das hat es ja mir geträumt! Also eigentlich ist das ja noch stärker.

Und wenn Sie ganz anders herangehen und recherchieren, dann haben Sie in der Landesbibliothek alles, was Sie brauchen ...

Ja, ich bin selbst natürlich immer ein guter Kunde gewesen. Wenn man an der Quelle sitzt und alle Bücher in Augenschein nehmen kann, ist das schon ein bisschen ein Heimvorteil.

Jakob M. Perschy: „Ich bin und bleibe ganz einfach ein Buchmensch“

© Wolfgang Millendorfer

Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Bücher Sie schon gelesen haben?

Das weiß ich nicht. Ich bin aber erst vor wenigen Jahren dazu übergegangen, manche Bücher ein zweites oder sogar ein drittes Mal zu lesen. Früher habe ich immer die Meinung vertreten, es gibt so viele Bücher, dass es sozusagen Vergeudung wäre, eines ein zweites Mal zu lesen. Aber jetzt denke ich mir: Das stimmt nicht, weil es besser ist, wenn du ein gutes Buch zwei oder drei Mal liest.

Früher habe ich kein Buch vorzeitig beendet, auch wenn's mir nicht gefallen hat, oder wenn es eigentlich schlecht geschrieben war. Da war ich immer der Ansicht, man kann auch aus schlechten Sachen etwas lernen. Aber das tue ich mir jetzt nicht mehr an.

Gibt es Lieblingsbücher? Kann man einem Bibliothekar so eine Frage überhaupt stellen?

Die gibt es natürlich. Das Buch, das mich ermuntert hat, selbst zu schreiben, das war von Goffredo Parise „Das Alphabet der Gefühle“. Darin werden emotional behafteten Themen alphabetisch Geschichten zugeordnet. Es ist auch nicht ganz vollendet und hört beim Buchstaben T auf – aber das ist eines meiner sogenannten Lebensbücher! Von den sieben Bänden, die jeweils mehrere hundert Seiten umfassen, habe ich ein paar schon zweimal gelesen, einen Band sogar dreimal.

Außerdem war in meiner frühen Jugend natürlich auch Anton Tschechow sehr wichtig für mich, nicht nur die Bühnenstücke, sondern vor allem die Kurzgeschichten.

In Ihren eigenen Erzählungen gehen Sie nicht selten mit Humor an die Sache heran. Könnte man sagen, das liegt Ihnen am meisten?

Ich unterhalte mich ja gerne, und genauso nehme ich manches auch aus Unterhaltungen mit. Vieles in den Geschichten ist ganz bodenständig oder aus der Heimat geschöpft. Und es sind oft auch sogenannte G'schichtln. Hinter dieser Form von Literatur verbirgt sich dann doch ein Ausloten der menschlichen Existenz, auch in die Graubereiche hinein.

Da ist es dann nicht weit zu Ihren literarischen Sprachspielen oder zur Mundart: Der haben Sie mit „100 Wörter Burgenländisch“ ein kleines Denkmal gesetzt. Ein persönlich wichtiges Buch?

Ich habe deutsche Philologie studiert und mich damals früh auf die Mundartkunde und Dialektforschung spezialisiert. Mich hat immer schon fasziniert, welche Nuancen sich da finden, und dass die Mundart für manche Dinge viel mehr Ausdrücke als die Standardsprache kennt. Bei den „100 Wörtern Burgenländisch“ ist es mir vor allem darum gegangen, die Begriffe in Geschichten und Anekdoten einzubinden – oder eben in besagte G'schichtln.

Jakob M. Perschy: „Ich bin und bleibe ganz einfach ein Buchmensch“

© Klaus Zwinger

Und was die Dialekte angeht, hat gerade das Burgenland viel zu bieten. Haben Sie alle Regionen verinnerlicht?

Verinnerlicht vielleicht nicht, es hat mich aber schon als Kind fasziniert, was es so alles gibt. Wo ich mich wirklich auskenne, das ist das Nordburgenländische, so rede ich ja auch. Weil Sprache immer dem Wechsel unterworfen ist, gibt es gerade bei uns im Norden zum Beispiel einige Begriffe, die dem Wienerischen entnommen sind. Ein Begriff wie „fäuln“ – für „stinken“ – ist beispielsweise erst in den 1970er-Jahren durch die burgenländischen Pendler zu uns gekommen.

Wenn wir schon bei Lieblingsfragen sind: Haben Sie ein Lieblingswort in der burgenländischen Mundart?

Schwierig ... vielleicht wär das dann „Wuri“. Das gibt es meinen Recherchen nach nur in Unterrabnitz, eine dieser kleinräumigen Spezialitäten!

Wie schreibt sich das genau? Und was bedeutet es?

„Wuri“, also W. U. R. I. Ein onomatopoetisches Wort, es formt einen Laut nach – in diesem Fall den Klang eines Akkordeons: Die Ziehharmonika macht eben ein „Wuri“.