Auszeichnung für Neuinterpretation eines Schilfdaches in Weiden

Österr. Bauherrenpreis

Warum sollte ein Einfamilienhaus preiswürdig sein, nur weil es ein Schilfdach hat? Diese Frage stellte sich die Jury zum Österreichischen Bauherrenpreis. Anfängliche Bedenken zerstreuten sich vor Ort im Gespräch mit dem Bauherrn Jacobus „Koos“ van Hoorne schnell. Dieser wurde nun mit dem Österreichischen Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs ausgezeichnet.

Von Von BVZ Redaktion

Das Einfamilienhaus von Marina Rosa und Jacobus van Hoorne in Weiden am See hat die Jury zum Österreichischen Bauherrenpreis begeistert.

Das Einfamilienhaus von Marina Rosa und Jacobus van Hoorne in Weiden am See hat die Jury zum Österreichischen Bauherrenpreis begeistert.

© Architekt Gilbert Berthold

Koos van Hoorne ist selbst in zweiter Generation passionierter Schilfschneider und Schilfdachdecker und möchte durch seinen Versuchs- und Demonstrationsbau in Weiden am See einem regional tief verwurzelten Handwerk zu mehr Ansehen verhelfen. Im Brandversuch erbrachte er den behördlichen Nachweis, dass eine Schilfdacheindeckung auch im dicht verbauten Gebiet zulässig ist. „Ich habe ein kleines Dach gebaut und bin damit zur Prüfanstalt für Brandverhalten nach Wien gefahren, um zu beweisen, dass es nicht in Vollbrand gerät und leicht zu löschen ist“, erzählte Koos Van Hoorne schon in einem früheren Interview der BVZ. Laut Bebauungsrichtlinien wäre sein geplantes Schilfdach im Wohngebiet aus brandschutztechnischen Gründen vorerst gar nicht erlaubt gewesen. Einige Jahre später erhält es nun einen renommierten Preis der Architektenvereinigung.

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Auszeichnung für Neuinterpretation eines Schilfdaches in Weiden

© Gilbert Berthold

Auszeichnung für Neuinterpretation eines Schilfdaches in Weiden

© Arnaud Bostelmann

Van Hoornes Haus in einer Einfamilienhaussiedlung in Weiden am See sollte das innovative Potenzial eines frei geformten Schilfdachs in zeitgemäßer Anwendung zeigen. Das Haus sollte außerdem (im Unterschied zu den voluminösen Nachbarn) klein sein, wenig Aushub verursachen und aus Holz errichtet werden. Ein durchlichteter Wohnraum, flankiert von kompakten Nebenräumen, ein Lattenkleid aus Eichenholz, that’s it. Das Dach ist verblüffend einfach: Die parallel angeordneten Sparren verlaufen linear von der zentralen Firstachse zu den beiden s-förmigen Trauflinien. Die einfach gekrümmten Dachflächen eignen sich ideal für ein Schilfdach, dessen Langlebigkeit mit dem Neigungswinkel zunimmt und das mit einer Stärke von 30 cm einer Dämmung von 20 cm entspricht.

Auszeichnung für Neuinterpretation eines Schilfdaches in Weiden

© Birgit Böhm-Ritter

Physiker mit Leidenschaft für Schilf

Der Bauherr, der schon in seiner Jugend im väterlichen Betrieb mit Schilf hantierte, dann vom Architekturstudium zur Quantenphysik wechselte, kehrte nach sieben Arbeitsjahren am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf, zum Handwerk zurück. Van Hoornes Forschergeist kam ihm an der Prüfanstalt für Brandverhalten in Wien zugute, wo er nachweisen konnte, dass ein sachgemäß ausgeführtes Schilfdach nicht in Vollbrand gerät und aufgrund der sehr langsamen Brandausbreitung auch keine Einwirkungen auf Nachbargrundstücke zu befürchten sind.

Seitdem ist es behördlich einfacher, Gebäude mit Schilfdächern oder sogar Schilffassaden umzusetzen. Das in einer Halle unweit des eigenen Hauses in Ballen und Bündeln gelagerte Schilf hat Koos van Hoorne mit einer umgebauten Pistenraupe gemäht. Er möchte mit seinem Handwerk dazu beitragen, dass ein schönes, nützliches und natürliches Material auch in Österreich wieder mehr verbaut wird, anstatt wie bisher zu 95 Prozent in andere Länder exportiert zu werden.

Nominierung für Eisenstädter Bauwerk

Aus dem Burgenland gab es eine weitere Nominierung für den Bauherrenpreis. Die Punkthäuser Eisenstadt der Neuen Eisenstädter gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgesellschaft haben es in den erlesenen Kreis geschafft. Als Bauherr fungiert die Architekten Halbritter ZT GmbH.

Auszeichnung für Neuinterpretation eines Schilfdaches in Weiden

© Michael Baumgartner, KiTO Photography

Über den Österreichischen Bauherr:innenpreis

Der Bauherr:innenpreis der Zentralvereinigung der Architekt:innen würdigt herausragende Bauten, Freiraumgestaltungen sowie städtebauliche Lösungen der letzten drei Jahre, die sich besonders durch die intensive Zusammenarbeit zwischen Bauherr:innen und Architekt:innen auszeichnen.

Am 15. November wurden im Rahmen einer feierlichen Abendveranstaltung in der Kitzmantelfabrik Vorchdorf in Oberösterreich die diesjährigen Gewinner:innen des ZV-Bauherr:innenpreises ausgezeichnet. Aus den insgesamt 119 Einreichungen wurden 23 Projekte durch die Nominierungsjurien in den Bundesländern ausgewählt. Daraus ermittelte die Hauptjury bestehend aus Gabriele Kaiser (Architekturpublizistin, Wien), Armin Pedevilla (Architekt, Bruneck) und Yves Schihin (Architekt, Zürich) die diesjährigen Preisträger:innen des ZV-Bauherr:innenpreises 2024.