„Ein Spital umzusiedeln ist nicht, wie in eine neue Wohnung zu ziehen“

Franz Öller im Interview

Der kaufmännische Geschäftsführer der Gesundheit Burgenland im BVZ-Gespräch über die bevorstehende Umsiedelung in die neue Klinik Oberwart, über Stellenwert und Finanzierung regionaler Versorgung und die Frage, warum es eine medizinische Ausbildung im Land braucht.

Von Wolfgang Millendorfer und Markus Kaiser

Franz Öller, seit Dezember 2023 kaufmännischer Geschäftsführer der Gesundheit Burgenland, im BVZ-Interview.

Franz Öller, seit Dezember 2023 kaufmännischer Geschäftsführer der Gesundheit Burgenland, im BVZ-Interview.

© Foto: BVZ/Kaiser

Sie haben bei der Gesundheit Burgenland übernommen, als der Neubau des Krankenhauses Oberwart schon so gut wie abgeschlossen war. Wie zufrieden waren Sie mit der Vorarbeit?

Franz Öller:Es war ein schöner Einstieg: Dass bei einem Bauprojekt dieser Größe der vorgegebene Zeit- und Kostenplan auch tatsächlich eingehalten wird, das gibt es nicht oft. Die Tage der offenen Kliniküren mit fast 25.000 Gästen waren eine Herausforderung. Jetzt folgt der 7. Mai, der kritischste Termin, an dem Tag frühstücken die Patienten sozusagen noch im Altbau, und das Mittagessen gibt es dann schon in der neuen Klinik. voraussichtlich rund 60 stationären Patientinnen und Patienten an einem Vormittag zu übersiedeln, ist eine Aufgabe. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch die gut schaffen werden.

Was sind die Herausforderungen bis zum Vollbetrieb des neuen Krankenhauses ab 13. Mai?

Im Akutbereich haben wir Strukturen geschaffen, damit an den Umzugstagen Patienten auch in unseren umliegenden burgenländischen Kliniken sowie auch in der Steiermark versorgt werden können. Oberwart ist an den Umzugstagen doppelt besetzt, ein Notfallbetrieb rund um die Uhr in beiden Häusern, vom Kreißsaal bis zur Unfallstation, ist sichergestellt. Das ist ganz wichtig, man kann ja beispielsweise während einer Geburt nicht sagen: „GehenS‘ bitte schnell dort rüber ...”

Planbare OP- und Ambulanztermine haben wir auf die Zeit danach verschoben. Ein Spital zu übersiedeln ist ja nicht, wie in eine neue Wohnung zu ziehen.

Was sind die Unterschiede zwischen dem Burgenland und Ihrem vorherigen Job im Tauernklinikum in Zell am See?

In Salzburg gibt es sehr hohe saisonale Spitzen durch Skiunfälle, das ist dort das Versorgungsthema. Im Burgenland ist der Tourismus wenig verletzungsintensiv, das Patientenaufkommen ist über das Jahr gesehen konstant.

„Ein Spital umzusiedeln ist nicht, wie in eine neue Wohnung zu ziehen“

© Wolfgang Millendorfer

Aus Ihren Erfahrungen in anderen Bundesländern: Macht eine Standortgarantie in den kleinen Regionen des kleinen Burgenlandes auch aus heutiger Sicht noch Sinn?

Ich bin Gesundheitsökonom, habe in Graz und Amerika Betriebswirtschaft studiert und in Manchester Public Health. Dort habe ich gesehen: Die regionale Versorgung ist entscheidend. Man kann die Bevölkerung bei der burgenländischen Geographie nicht zentral versorgen. Man fährt von Güssing nach Kittsee zweieinhalb Stunden, es braucht eine gute Basisversorgung an fünf Standorten sowie spezifische Leistungen an ausgewählten Standorten, die es nur dort gibt. Beispielsweise die Augenklinik in Oberpullendorf: Eine Katarakt-OP braucht man eher einmal im Leben, da sehe ich eine Anreise von Jennersdorf als zumutbar an.

Was muss diese „Basisversorgung” in allen Häusern können?

Die Basisversorgung ist das, was ich als Patient von jedem Krankenhaus einfach erwarten können muss. Das geht von der Schnittverletzung beim Kochen bis zum Blinddarmschmerz eines Kindes. Es ist sinnvoll, das regional zu versorgen. Für komplexere Therapien wie bei onkologische Erkrankungen hingegen ist es gut, punktuell an einem Ort alle Spezialisten versammelt zu haben. So verstehe ich die medizinische Offensivstrategie der Landesregierung.

Welche Spezialisierungen soll es an welchen Standorten geben?

Onkologie und Kardiologie werden beispielsweise in Oberwart ausgebaut. Hier treten im Burgenland besonders häufig Krankheiten auf, und hier muss die Versorgung in Wohnortnähe passen. Neu kommt in Oberwart auch die Neurochirurgie. In Oberpullendorf wird der Augen-Schwerpunkt in eine Vollabteilung ausgebaut.

„Ein Spital umzusiedeln ist nicht, wie in eine neue Wohnung zu ziehen“

© Foto: BVZ/Kaiser

Wie sehen Sie die geplante Klinik Gols?

Kittsee ist eine Randlage im Bezirk, das ist Faktum. Der Weg nach Eisenstadt aus dem Seewinkel ist auch lang – die Wege habe ich auch als Nicht-Burgenländer schon sehr gut kennengelernt. Gols hingegen ist von überall im Bezirk aus in einer halben Stunde erreichbar.

Was sagen Sie zur Kritik, dass da zum Teil naturgeschütztes Gebiet verbaut werden soll?

Die Standortfrage ist vor meiner Zeit entschieden worden. Aber: Die Lage im Zentralraum des Bezirks ist bestens und wir werden beweisen, dass naturnahes Bauen gerade bei einer Gesundheitseinrichtung möglich ist.

Und kaufmännisch gesehen - können sich die Pläne des Landes alle ausgehen?

Die Bevölkerung hat eine Erwartungshaltung, eine Politik, die diese nicht zu erfüllen versucht, wird nicht reüssieren. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil hat mit der Offensivstrategie österreichweit eine Vorreiterrolle. Das war auch einer der Gründe für mich, ins Burgenland zu gehen – weil sich im Gesundheitsbereich etwas tut. Anderswo, scheint mir, ist es manchmal eher eine Mangelverwaltung.

Die Idee war ja auch, weitere Einnahmen im Gesundheitsbereich zu generieren - wie ist das möglich?

Die Gesundheitsfinanzierung ist Österreich generell so aufgestellt, dass Krankenhäuser bezuschusst werden müssen. Die Mittel des Burgenländischen Gesundheitsfonds BURGEF, der unsere vier Kliniken und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt finanziert, sind gedeckelt. Der Rest der Kosten ist der Abgang, den das Land ausgleicht. Wenn Spitäler aber ambulante Leistungen zusätzlich übernehmen, wie etwa bei MR-Untersuchungen, gibt es weitere Mittel aus einem anderen Topf der ÖGK, wie für den niedergelassenen Bereich.

Ist das auch die Idee hinter dem neuen High-Tech-CT-Gerät in Oberwart?

Hier geht es um die Leistungsfähigkeit des Geräts. Es spart beispielsweise Aufwände, weil es dermaßen genaue Bilder liefert, dass so mancher diagnostischer Herzkathetereingriff ersetzt werden kann. Das ist für den Patienten viel weniger belastend. Außerdem ist es schneller und produziert eine viel niedrigere Strahlenbelastung als weniger moderne CTs.

Soll mit diesen Zusatzmitteln auch die in den letzten Jahren heiß diskutierte Geburtenstation in Oberpullendorf gehalten werden können?

Ganz unabhängig von diesen Mitteln sehe ich eine Zukunft. Schon allein wegen dem IVF-Institut Kinderwunsch Burgenland sind Gynäkologie und Geburtshilfe unter einem Dach sinnvoll. Wir müssen auch Entscheidungen zu Standorten in anderen Bundesländern beachten. In der Steiermark sind im Herbst Landtagswahlen. Wer weiß, was danach geplant ist? Der Standort Oberpullendorf könnte auch dadurch zusätzlich gefragt sein. In Oberpullendorf wollen wir übrigens auch ein MR-Gerät aufstellen, um die Wartezeiten zu verkürzen, aber wir haben noch kein OK von der ÖGK.

Kommen wir zur Ausbildung, hier hat ja der Landeshauptmann zuletzt mit dem Wunsch einer medizinischen Universitätsausbildung im Burgenland aufhorchen lassen.

Für die Absicherung mit Fachkräfte-Nachwuchs ist es vorrangig, eigene Strukturen zu schaffen. Dass das wirkt, hat man auch in der Pflegeausbildung gesehen, da sind wir wesentlich besser dran als westlich gelegene Bundesländer, wo hunderte Betten gesperrt bleiben, weil Pflegekräfte fehlen. Der Zeitplan mit drei Jahren bis zur Zertifizierung ist ambitioniert, aber je schneller wir etwas vorlegen, desto besser. Es gut, wenn die Politik die Benchmarks vorgibt.

Wer wären hier Ihre präferierten Kooperations-Partner?

Ich habe da keine Präferenz, wichtig ist eine stabile und nachhaltige Ausbildung im Bundesland. Der Fachhochschule Burgenland ist mit ihrer Ausbildung in verschiedenen Gesundheitsberufen vieles gut gelungen. Wieso sollte das also nicht auch im medizinischen Ausbildungsbereich funktionieren?

Kämen für Sie da auch internationale Kooperationen in Frage?

Die Salzburger Paracelsus-Uni hat mit Nürnberg eine Kooperation, der Hamburger Asklepios-Campus arbeitet mit der Semmelweis-Klinik in Budapest zusammen. Diese hat man bei uns vielleicht nicht gleich am Radar, sie hat aber einen ausgezeichneten internationalen Ruf.

Ignaz Semmelweis war ja auch ein halber Eisenstädter.

Na bitte, dann wäre das also auch eine Option (lacht). Im Burgenland ist man ja vielsprachig – noch ein Argument. Wir schauen, wohin die Reise geht.

Wie ist die Personalsituation derzeit im Burgenland, wenn Sie diese mit anderen Bundesländern vergleichen?

Generell gibt es beim medizinischen Personal sehr viel Mobilität. Ich habe auch im Pinzgau gesehen: Junge, zur Ausbildung abgewanderte Salzburger, sind sehr schwer wieder zurückzuholen. Auch deswegen sind regionale Ausbildungsstützpunkte so wichtig.

Die Medizin wird außerdem immer weiblicher, wir haben eine sehr hohe Teilzeitquote, da muss man Angebote zur Kinderbetreuung bieten. Meine Frau ist selbst Medizinerin, wir haben zwei Kinder, ich habe also selbst gesehen, wie schwierig die Betreuungssituation ist. Da muss der Arbeitgeber Angebote schaffen. Das Gehalt ist das eine, das Arbeitsumfeld das andere.

Und es geht um den Ruf und die Ausbildungsqualität. Diese müssen passen, sonst wird man als Dienstgeber nicht bestehen können.

Wo sehen Sie noch Baustellen im medizinischen Bereich?

Bei der Allgemeinmediziner-Ausbildung! Das Berufsfeld hat sich verändert, wirkt auf junge Absolventen offenbar nicht mehr attraktiv, das muss verbessert werden. Rund die Hälfte unserer unbesetzten Stellen in den Krankenhäusern derzeit sind Allgemeinmedizin-Stellen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Barmherzigen Brüdern?

Natürlich ziehen alle an einem Strang, es geht uns allen um die bestmögliche Patientenversorgung, und für diese muss man zusammenarbeiten. Im Endeffekt werden wir beide vom Land finanziert, und dem Land geht es ebenso um die gute Versorgung. Ich sehe in Österreich generell kein Konkurrenzverhältnis unter den öffentlichen Spitalsträgern. Reden und sich Austauschen, das ist Standard. Das ist in anderen Staaten anders.

„Ein Spital umzusiedeln ist nicht, wie in eine neue Wohnung zu ziehen“

© Gesundheit Burgenland/Muik, erwin muik

Die neue Klinik Oberwart in Zahlen

- 325 stationäre Betten: 30 Einbettzimmer, 62 Zweibettzimmer, ein Dreibettzimmer, 42 Vierbettzimmer

- 56 ambulante Behandlungsplätze (Dialyse, Onkologie, ZAE (Zentrale Aufnahme und Erstversorgung), Endoskopie, Urologie, Neurochirurgie, Orthopädie und Traumatologie

- sieben Operationssäle, ein Hubschrauberlandeplatz

- Brutto-Geschoßflächen: 50.800 Quadratmeter (das sind zirka sieben Fußballfelder)

- Länge des Hauptgangs: 200 Meter

- 37.000 Kubikmeter verbauter Beton, 5.000 Tonnen verbauter Stahl, 2.200 Kilometer verlegte Kabel

- acht Lifte, 1.830 Türen, 18.300 Steckdosen und Lichtschalter, 300 WCs

- Fernwärme-Leistung: 3,4 Megawatt (entspricht 425 Einfamilienhäusern); Energie-Kennzahl: „A++“

- Der Spatenstich erfolgte im Mai 2020, die Fertigstellung im Dezember 2023. Bei den Tagen der offenen Kliniktür wurden rund 25.000 Besucherinnen und Besucher gezählt.

- Die Intensivphase für den Umzug von der alten in die neue Klinik ist jetzt angelaufen und soll mit 9. Mai abgeschlossen sein.

- Am 7. Mai erfolgt die Übersiedelung der stationären Patientinnen und Patienten von der alten in die neue Klinik.

- Ab 13. Mai werden alle Versorgungsleistungen – wie Plan-OPs, Terminambulanzen und Tageskliniken – schrittweise hochgefahren.

Der Eröffnung-Festakt erfolgt am 7. Juni.

www.gesundheit-burgenland.at