Das Weltgeschehen erklärt von Sterniczky

Studiert hat er vieles und überall. Was genau Aaron Sterniczky aber beruflich macht, fragt selbst die Mama heute noch. Ein Mann auf der Suche nach Antworten.

Vanessa Bruckner Erstellt am 11. Juni 2020 | 04:24
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Gesprächsgarant. Aaron Sterniczky hat viel zu sagen und denkt über noch viel mehr nach. Samstagvormittag trifft man den Oberwarter oft im Café Träger in Pinkafeld.
Foto: Vanessa Bruckner

Von Großbritanniens Premierminister Boris Johnson über Michelangelos David-statue in Florenz hin zu Oberwarts Bürgermeister in nur 51 Sekunden. Eine Zeitreise mit einem Feuerwerk an informativen Inhalten und (be)merkenswerten Ansichten dazu.

Wer mit Aaron Sterniczky den Samstagmorgen im Café Träger in Pinkafeld verbringt, weiß am Ende vor allem eines: dass man, im Gegensatz zu dem Oberwarter in seinem 38. Lebensjahr, vieles nicht weiß.

Sterniczky nimmt einen über den Kaffeetisch hinweg mit nach England und erläutert, warum wir von den Briten noch Vieles lernen können und warum die EU als Institution seiner Überzeugung nach weit tragfähiger ist, als es ihre heutigen Repräsentanten vermuten lassen. Eine Frage seines Gegenübers reicht für ihn aus, um Stunden darüber zu philosophieren, diskutieren, sinnieren.

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Steter Begleiter. Gut 60 Bücher liest Aaron Sterniczky pro Jahr und weiß doch, wie bereits der große Sokrates, dass er nichts weiß.
BVZ

Aaron Sterniczky ist vermutlich ein Philosoph. Und Historiker. Und Wissenschaftler und Lehrender. Aber so genau wissen das nicht einmal die Freunde und die Familie.

Werte von Morgen finden sich im Gestern

„Die fragen mich immer wieder, was genau ich denn eigentlich beruflich mache und ich kann ihnen keine konkrete Antwort darauf geben.“

„Technologie, Ökologie und Demokratie. Wenn man es ganz grob umreißen will, dann arbeite ich fortlaufend an Entwicklungen in diesen drei Bereichen“, versucht Sterniczky selbst wiederum, sein Berufsleben zu erklären.

Die digitale Transformation beispielsweise „kann in ihrer Bedeutung gar nicht überschätzt werden. Was ist denn mit dem Journalismus im letzten Jahrzehnt passiert? Was mit dem Verlagswesen? Wohin entwickelt sich diese altehrwürdige Branche? Was sagt uns das für andere Bereiche?“, wirft er in den Raum, rührt dabei – zumindest dem Anschein nach – gedankenverloren in seiner Tasse Tee. Und dann sprudeln auch schon Theorien, Thesen und Zukunftsszenarien dazu aus seinem Mund – selbstverständlich stets mit einem fast schon allumfassenden geschichtlichen Background.

Dass die Historik einen großen Stellenwert im Leben des Tausendsassas mit Wuschelhaaren und Harry Potter Brille einnimmt, kommt auch nicht von ungefähr. „Als Zivildiener habe ich Führungen in einem ehemaligen Konzentrationslager in Deutschland geleitet, vorwiegend mit Schulklassen. Das prägt. Ohne Kenntnis der Vergangenheit lässt sich weder die Gegenwart verstehen, noch die Zukunft gestalten“, bringt es der Oberwarter auf den Punkt.

BWL als Veranlassung vieler Fragen

Aaron Sterniczky selbst sei, so sagt er jedenfalls, „ein mäßiger Schüler gewesen. Erst als ich an die BHAK Stegersbach gewechselt bin und Betriebswirtschaftslehre pauken musste, taten sich Fragen über Eigenart und Wesen der heutigen Wirtschaft auf. Das klingt womöglich komisch für jemanden, der später der Philosophie verfällt. Doch genau genommen lehrt die BWL nichts anderes, als die Struktur gesellschaftlichen Zusammenwirkens zu entschlüsseln.

Und bereits Sokrates wusste, dass die Wirklichkeit nur dann gestaltbar ist, wenn sie richtig begriffen wird. Er wusste außerdem auch, dass er nichts weiß“, lacht Sterniczky und legt die Hand auf das rote Buch über Genetik, in dem er gerade liest. Lesen ist für den Denker in der kleinen Provinz im Übrigen enorm wichtig. Fast schon überlebenswichtig. Gut 60 Bücher liest der Doktor der Philosophie pro Jahr. Auf sein Handy blickt er wiederum kein einziges Mal während des einstündigen Gespräches. Aaron Sterniczky werkt nicht nur in Übersee und Wien als Berater von Institutionen und Unternehmen zu Fragen der Innovation, sondern auch im Südburgenland als Kurator.

„Aktuell darf ich eine Gesprächsreihe im OHO kuratieren, die wir Zukunftswerkstatt nennen. Den ersten Abend haben wir kürzlich dem bedingungslosen Grundeinkommen gewidmet.“ Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt von Aaron Sterniczky und seiner Auffassung nach „ein notwendiges Bürgerrecht, um gesellschaftliche Teilhabe im 21. Jahrhundert zu verwirklichen.“ Sogar einen Verein dazu hat er mitgegründet (www.fuereinander.jetzt).

„Zuhause ist das Gefühl von Vertrautheit“

Und trotz seiner Welterfahrung und Offenheit ist auch für einen Sterniczky das Südburgenland die Welt. „Hier bin ich aufgewachsen, hier ist mir alles vertraut. Zuhause ist das Gefühl von Vertrautheit“, bringt er es auf den Punkt und wünscht sich zugleich: „Die großen Diskussionen in Wirtschaft und Politik drehen sich seit Jahrzehnten stets um die Entwicklung des urbanen Raums, aber gerade die Zukunft am Land sollte uns beschäftigen. Ländlichkeit neu denken, darin liegt die große Chance für unsere Region.“

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Tea Time im Caféhaus. Der 37-Jährige studierte auch an der Universität im englischen Oxford, wo er heute selbst lehrt.
BVZ

Aaron Sterniczky trinkt seinen letzten Schluck Tee. Schwarz natürlich, mit Milch. Als Studiengangsleiter entwickelt er gegenwärtig mit der teils in Oberwart ansässigen E-Learning Group Online-Studiengänge zum Themenfeld der digitalen Transformation für Fachhochschulen. Momentan entsteht diesbezüglich ein neues Projekt zur digitalen Zukunft des Gesundheitswesens. Weiters wirkt er für eine Denkfabrik in Oxford zur Fragestellung des Klimawandels und nimmt in dieser Funktion jährlichen am Weltklimagipfel der Vereinten Nationen teil.

„Unser Verhältnis gegenüber der Natur ist grundlegend kaputt, aber reparabel. Das müssen wir ernsthaft angehen, am besten sofort.“ Die Tasse ist leer und der 37-Jährige mittlerweile bei Angela Merkel, der Physikerin angekommen, die in seinen Augen „das humanistische Europa erstmal über die Zeit gerettet hat. Dafür heißt es dankbar zu sein.“

Zeit wiederum bräuchte man viel, viel mehr, wenn man einen Menschen wie Aaron Sterniczky zum Gespräch bittet. Bleibt zum Schluss die Frage, wann genau der Mann entspannt. „Wenn es einen Ort gibt, der mich immer entspannt, dann vermutlich das europäische Kaffeehaus, dieser Ort geistreicher Zivilität. In unseren Breiten bevorzugt der Träger.“ Der Besuch beim Träger als entspannendes Ritual im Burgenland? „Die Familie, der Buchhändler des Vertrauens, die Kulinarik und der Träger. Meine Eckpunkte im Burgenland. Mehr benötigt es dann gar nicht zur persönlichen Zufriedenheit - weniger aber auch nicht.“