Christian Zechmeister: „Wein auf den Alkohol reduzieren ist ignorant“

Im BVZ-Gespräch

Wein Burgenland-Geschäftsführer Christian Zechmeister spricht über moderaten Genuss, volle Keller und leere Geldbörsen, neue Trinkgewohnheiten der Jugend und die Frage, warum Wein mehr ist als nur Alkohol.

Von Markus Stefanitsch und Markus Kaiser

Wein Burgenland-Geschäftsführer Christian Zechmeister im BVZ-Gespräch: „Fett und Zucker sind in der Menge auch schädlich, aber ein Schweinsbraten oder eine Mehlspeise hin und wieder sind etwas Schönes.“

Wein Burgenland-Geschäftsführer Christian Zechmeister im BVZ-Gespräch: „Fett und Zucker sind in der Menge auch schädlich, aber ein Schweinsbraten oder eine Mehlspeise hin und wieder sind etwas Schönes.“

© BVZ/Kaiser

BVZ: Herr Zechmeister, gerade bei jungen Menschen geht der Trend weg vom Alkohol. Wie gelingt die Gratwanderung: Wein zu vermarkten und gleichzeitig bewusst zu machen, dass Alkohol kein Spielzeug ist?

Christian Zechmeister: Wir haben im Burgenland immer auf moderaten Weinkonsum gesetzt. Wein ist gerade bei uns ja ein Kulturgut - und ein unschlagbarer Speisebegleiter. Er soll daher Genuss sein und Kommunikation fördern. Das steht damit im völligen Gegensatz zum Binge Drinking. Ja, Alkohol ist ein Zellgift, aber jeder Erwachsene weiß ja, dass die Menge das Gift ausmacht. Und: Das Jahrtausende alte Kulturgut Wein allein auf den Alkoholgehalt zu reduzieren, ist grob verkürzt. Fett und Zucker sind in der Menge auch schädlich, aber ein Schweinsbraten oder eine Mehlspeise hin und wieder sind etwas Schönes.

Also eher der italienische Zugang zum Weintrinken?

Genau. Ein gutes Glas Wein zum guten Essen – das ist Wertschätzung für beides.

Dazu müssen wir aber auch die Qualität des Weins in den Vordergrund stellen. Beim Weintrinken gibt es ja auch, salopp gesagt, einen quantitativen Zugang.

Das Burgenland hat immer auf Qualität gesetzt. Die Strukturbereinigung der letzten Jahrzehnte hat auch nur die erfolgreich werden lassen, die sich der Qualität zuerst verschrieben haben. Dazu kommt die Saisonalität: Im Sommer will man Leichtes, im Winter eher strukturierte, kräftige Weine.

Wie schaut es wirtschaftlich aus – sind die Weinkeller noch immer voll?

Die Keller leeren sich langsam, hauptsächlich wegen der geringeren Ernteerträge der letzten Jahre. Wein verkaufen ist ein beinhartes Geschäft, aber gerade das macht die Branche stark. Die Winzerinnen und Winzer sind damit auch als Einzelpersonen wichtige Markenbotschafter des Burgenlandes geworden – bundesweit und international.

Christian Zechmeister: „Wein auf den Alkohol reduzieren ist ignorant“

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Wie sieht es mit dem Weinkonsum generell aus?

Österreich hat einen wertmäßgien Marktanteil von 76 Prozent für heimische Weine. Pro Kopf trinken wir 26 Liter – ein Minus von 2,6 Prozent. Hier sind die Ursachen vielfältig: geänderte Konsumgewohnheiten, aber auch eine bewusstere Lebensweise und geänderte Alltagsfaktoren wie stressige Arbeitszeiten oder Autofahren. Gleichzeitig ist bei vielen Konsumenten weniger Geld da. Ich sehe auch die Medien gefragt: Krisen und negative Schlagzeilen sorgen dafür, dass viele vorsichtig geworden sind.

Welche Erwartungen haben die Winzer an Wein Burgenland?

Die Winzer wollen eine klare Gegenposition zum Wein-Bashing. Diese Bewegung ist ja gesteuert von der kompletten Abstinenz-Bewegung „Movimento“ aus Amerika. Außerdem wollen Winzer neue Plattformen, um sich selbst zu präsentieren. Und: Weintouristen geben mehr aus als klassische Touristen. Deshalb setzt auch der Burgenland-Tourismus in vielen Bereichen ganz stark auf das Thema Wein, wie zum Beispiel bei der Bewerbung des Martiniloben.

Christian Zechmeister: „Wein auf den Alkohol reduzieren ist ignorant“

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Ein Thema ist ja auch die Mobilität: Wie kommt man von einem Weingut zum nächsten?

Viele kommen mittlerweile öffentlich. Gute Öffis sind entscheidend, aber besonders im Süden bleibt die letzte Meile ein Problem. Es gibt Überlegungen, das BAST-Sammeltaxi zu einem Vino-Taxi auszubauen. Und verkostete Weine kann man sich ja auch schicken lassen.

Nächstes Reizthema sind die Gastro-Preise – manchmal schreckt ein zweistelliger Betrag beim Achterl ab.

Natürlich gibt es übertriebene Ausreißer nach oben, aber in der Regel sind die Kosten in der Gastro explodiert. Die sollte man aber nicht über den Wein hereinholen. Wichtig sind moderate Einstiegspreise für junge Leute.

Wie erreicht man diese jungen Leute?

Junge trinken nicht prinzipiell weniger, sondern anders. Sie probieren gern verschiedene Stile und sehen Wein als Event-Getränk. Mit jungen Winzern erreicht man junge Menschen am besten. Die sprechen deren Sprache. Die ÖWM setzt zusätzlich auf Pop-up-Events wie „Rot-Weiß-Rosé“, dort wo junge Leute sind, also in Lokalen oder bei Musikfestivals.

Muss man klassische Typizität und neue Stilistik verbinden?

Unbedingt. Wein lebt von Vielfalt. Natural oder Orange Wine bieten neue Geschmackserlebnisse. Aber junge Leute trinken genauso gern etwas Spritziges oder Fruchtiges. Beim Rotwein spüren wir wieder Aufwind – kühlere, leichtere Stile treffen den Zeitgeist.

Christian Zechmeister: „Wein auf den Alkohol reduzieren ist ignorant“

© BVZ/Kaiser

Gilt der alte Spruch „Rot aus dem Burgenland, Weiß aus der Wachau“ überhaupt noch?

Der stimmt längst nicht mehr. Im Burgenland haben wir bald so viel Weiß- wie Rotwein, das pendelt je nach Jahrgang und Mode – umstellen muss man deswegen nicht.

Das Land hat 200.000 Flaschen Sekt angekauft. Macht das Sinn?

Meines Wissens ist eine Charge schon zu einem guten Preis verkauft. Der Sekt lag noch auf der Hefe, ist also perfekt lagerbar. Ich gehe davon aus, dass das ein gutes Geschäft wird.

Wie entwickelt sich der Generationenwechsel in den Weingütern?

Junge Winzer sind heute hervorragend ausgebildet und kommen oft erst später auf den Betrieb zurück – dadurch wird die Übergabephase kürzer und einfacher. Ich erwarte daher eine positive Entwicklung.

Bier hat zahlreiche alkoholfreie Varianten. Warum ist das beim Wein so schwierig?

Bier hat in dem Bereich jahrzehntelange Erfahrung. Beim Wein ist es technisch schwieriger. Malz kann Alkohol ersetzen – beim Wein fehlt diese Komponente. Malz kann Alkohol ersetzen – beim Wein fehlt diese Komponente. Wein verliert beim Entalkoholisieren viel mehr Aroma, beim Bier sind Malz und Hopfen hitzestabiler. Oder Der Alkohol ist bei Wein ein wichtiger Geschmacksträger