„Im Gasthaus war es augenblicklich still geworden“

Burgenland 1921

In der dieswöchigen Zeitreise ins Burgenland 1921 geht es um die schwierige Suche nach dem „Pepi-Veida“. Dieser hieß eigentlich Josef Holzer, kam aus Sieggraben und wurde wahrscheinlich ein weiteres Opfer der Raubmörder-Banden, die vielerorts die pro-ungarischen Freischärler bestimmten. Aber wieso ist es so schwer, einen Toten zu finden? Das und wieso es fast nicht nur bei einem Toten geblieben wäre, wird in der dieswöchigen Serie zu erklären versucht.

Von Markus Kaiser

Ein Foto aus fröhlicheren Zeiten: einem Faschingsfest beim Bunkerwirt (das Gemeindewirtshaus, das damals von Anton Reisner gepachtet war) aus dem Jahr 1925

Ein Foto aus fröhlicheren Zeiten: einem Faschingsfest beim Bunkerwirt (das Gemeindewirtshaus, das damals von Anton Reisner gepachtet war) aus dem Jahr 1925

© zVg Schieszl

Die ungarische Regierung hatte 1921, wie im Vertrag von Trianon von den Alliierten befohlen, neben dem Großteil ihrer Gendarmen auch die Mehrheit ihrer Beamten aus Deutsch-Westungarn abgezogen. Diese Beamten hatten die Jahrhunderte zuvor alle Dokumente wie Sterbe-, Geburten- und Hochzeitsregister auf Ungarisch verfasst und diese 1921 nach Sopron oder Budapest mitgenommen - oder gleich entsorgt.

Bereits die Militärhistoriker, deren Bericht diese Artikel-Reihe angestoßen hatte, beklagten, dass es so gut wie keine amtlichen Unterlagen außer dem Archiv der Entschädigungs-Kommission gebe. Bei dieser österreichischen Kommission konnte man erlittene Schäden durch die Freischärler melden. Aber wie schon bei der Geschichte über den ermordeten Güssinger Kreisnotär und der “doppelten Leiche” beim Esterhazy-Tierpark nahe Schützen zu lesen war, bissen sich die Verwandten der Opfer an dieser Kommission oft die Zähne aus. Es ist also davon auszugehen, dass bei Weitem nicht alle Freischärler-Opfer bei der Kommission gemeldet wurden - und damit ihre letzte Chance verstrichen war, überhaupt jemals offiziell zu existieren.

Das war ein Schicksal, das vor allem ärmere Leute traf. So berichtete Sieglinde Senninger, die Nichte des ermordeten und in dieser Serie bereits vorgestellten Ferdinand Schmidt, dass ihre Familie eine Art Stallburschen hatte, der einfach so aufgetaucht war, ohne, dass jemand sein Alter, vollen Namen oder Herkunftsort gekannt hätte. Das habe damals zwar als kurios, aber nicht wirklich als ungewöhnlich oder gar besorgniserregend gegolten.

Wie ein Feiertag zum Trauertag wurde

Nur so kann man vielleicht ein bisschen verstehen, wieso jetzt, 103 Jahre nach der Landnahme des Burgenlandes, immer noch Opfer dieser Zeit auftauchen können. Wie eben der Holzer Pepi aus Sieggraben.

BVZ-Leser Karl Schieszl hatte von seinem gleichnamigen Großvater, Karl Schieszl (Jahrgang 1895) kurz vor seinem Tod 1974 noch dessen Geschichte anvertraut bekommen. Dieser habe das Datum des Mordes noch genau gewusst, da an diesem 15. Oktober 1921 sein erster Sohn - der Vater des BVZ-Lesers, der ebenfalls Karl Schieszl getauft werden sollte - geboren worden war.

„Im Gasthaus war es augenblicklich still geworden“

© zVg Schieszl

Das Sieggrabener Gemeindewirtshaus, der “Gmoa-Wirt”, im Ortszentrum war damals ein beliebter Treffpunkt. Gegen 21 Uhr zahlte Opa Schieszl dort eine Runde um auf seinen Erstgeborenen anzustoßen. Josef Holzer, der “Pepi-Veida”, wollte eigentlich schon gehen, schlug eine Runde dann aber doch nicht aus.

Schieszl erinnert sich an die Geschichte seines Großvaters als wäre es gestern und nicht schon vor 50 Jahren gewesen: “Das erste Getränk war unter Glückwünschen und Ermunterungen für den frischgebackenen Kindsvater rasch geleert und der Wirt schickte sich an, die Gläser ein zweites Mal zu füllen. Da wurde die Tür aufgerissen und mehrere ungarische Freischärler traten grußlos ein. Sie schoben den alten Pepi-Veida, der gerade zum zweiten Mal am Aufbrechen war, wieder zurück ins Lokal. Im Gasthaus war es augenblicklich still geworden, die Stimmung schlagartig von ausgelassen auf eisig gekippt. Denn auch in Sieggraben wusste man: Wo immer diese ungarischen Paramilitärs auftauchten, gab es Ärger.”

Die “Lumpengarde” waren die gefürchtetsten aller Freischärler-Einheiten

Die Freischärler waren in “Räuberzivil” und damit Teile der “Lumpengarde” (Rongyos Gárda) der Faschisten Ivan Hejjas und Pal Pronaj. Sie waren bekannt wie gefürchtet als brutalste Teile der Freischärler.

„Na, was feiern wir denn?“, soll der Anführer des Freischärler-Trupps auf ungarisch in die Runde gefragt haben, erinnert sich Schieszl an die Erzählung seines Großvaters. Als er keine Antwort erhielt - einige sprachen kein Ungarisch, andere wollten sich auf keine Unterhaltung mit ihm einlassen - soll er, ebenfalls auf Ungarisch, geschrien haben: „Keiner verlässt den Raum!“

Nur den besonders schwer betrunkenen Pepi-Veida habe das nicht beeindruckt. Er wollte sich mit Verweis auf seine wartende Frau auf den Weg machen. „Bleib stehen!“, habe der Freischärler gerufen und seinen Militärkarabiner auf den „Pepi-Veida“ angelegt. Schieszl: “Auch wenn der alte Mann weiter schlurfte, rechnete niemand der Anwesenden mit einem Schuss. Der alte Mann hatte sein Leben lang als Kalkbrenner im Dorf zugebracht, war beliebt und völlig harmlos. Niemals ging von ihm Provokation oder Bedrohung aus, auch nicht an diesem Oktoberabend des Jahres 1921. Doch der Freischärler drückte tatsächlich ab. Das löste einen Schock bei allen Anwesenden aus, der aber nur Sekundenbruchteile dauerte. Denn der alte Mann schlug in der Sekunde mit dem Gesicht voraus, auf dem Bretterboden des Bunker-Wirtshauses auf. Er war sofort tot.”

Die Flucht in die unelektrifizierte Nacht hinein

Daraufhin soll eine wilde Schlägerei ausgebrochen sein, Schieszl und die drei Manninger-Brüder Johann, Albert und Jakob sich auf die Freischärler gestürzt haben. Die Rauferei konnten alle Sieggrabener zur Flucht aus Fenstern und Türen des Gemeindewirten nutzen: “Mein Großvater brauchte nicht lang nachzudenken, wohin er laufen würde, denn für ihn gab es ab sofort in Sieggraben/Szikra und in ganz Ungarn keinen sicheren Platz mehr. Er musste über die nur wenige hundert Meter entfernte Grenze, ins sichere Schwarzenbach, also nach Österreich. Er war auch noch nicht weit gelaufen, als er hinter sich Schüsse hörte. Noch als alter Mann erinnerte sich mein Großvater an die Schreie der Magyaren hinter ihm: Wir wissen genau, wer Du bist! Wir kriegen dich sowieso!“

„Im Gasthaus war es augenblicklich still geworden“

© zVg Schieszl

Aber 1921 gab es weder elektrischen Strom noch irgendeine Form der Ortsbeleuchtung in Sieggraben, in dieser Finsternis entkam Schieszl, der im Gegensatz zu den Freischärlern die Gegend bestens kannte: “Er hastete bergauf durch die Finsternis zum Bauernhof seines Freundes Georg “Schorsch” Bauer, direkt hinter der cisleithanischen Grenze. Dieser war durch die immer näher kommenden Schüsse bereits alarmiert. Als die beiden Männer die Ungarn in der Nähe glaubten, begannen sie aus den Jagdflinten, die der Schorsch bereit gelegt hatte, auf die Verfolger zu schießen. Das hatte die erhoffte Wirkung, die Freischärler kehrten um, nicht ohne vorher meinem Großvater aus der Dunkelheit heraus mit dem Umbringen zu drohen.

Die lange Suche nach dem Holzer Pepi

Der Sieggrabener Gemeinde-Chronist Albert Taschner hat bereits alle verfügbaren durchsucht: “Es gibt keine Aufzeichnungen zu so einem Fall in der Ortschronik. Es hat bei Sieggraben einmal einen Vorfall bei den Schildern - ich nehme an, dass damit die Grenze zwischen Sieggraben und Schwarzenbach gemeint ist - gegeben”, deutet auch er die dünne Dokumentationslage dieser Zeit an. Wovon es damals sehr viel gegeben habe, waren Schmugglereien, weswegen sogar Hilfspolizisten in Sieggraben positioniert wurden: “Geschmuggelte Geflügel oder Eier wurden weggenommen. Sieggraben war wirklich eine arme Gegend.”

„Im Gasthaus war es augenblicklich still geworden“

© zVg Schieszl

Das einzige Zeitdokument ist ein Artikel des Neuen Wiener Tagblattes vom 11. Oktober 1921 - also nur wenige Tage vor der Tat. Darin wird gewarnt, dass Freischärler in Sieggraben eingetroffen seien.

Schieszls Großvater hatte sich die Morddrohungen der Freischärler jedenfalls zu Herzen genommen: Erst nach der endgültigen Landnahme durch österreichische Sicherheitskräfte am 17. November traute er sich zurück nach Sieggraben. Zum Glück: Seine Frau Aloisia und die Familie wurden am Weg zur Taufe von Freischärlern gestoppt, durchsucht und nach dem Flüchtigen befragt. Sogar das Bündel, in das der 14 Tage alte Säugling gewickelt war, wurde auf Waffen durchsucht.

Schiezls Glück hatte auch seinen Preis: Sein Erstgeborener war inzwischen schon ohne ihn getauft worden.