Während das neue Gesetz zu Integrations-Pflichten vorbereitet wird, zeigen die Zahlen: Burgenland hat im Österreich-Vergleich den geringsten Zuzug: Der Anteil von Menschen mit ausländischem Geburtsort, wie es statistisch heißt, liegt bei 13,9 Prozent.
Von japanischen Millionen und Hornsteiner Nasenspray
Segen oder Fluch?
Der japanische Pharmakonzern Rohto Pharamceutical übernimmt 51 Prozent der Muttergesellschaft der Sigmapharm-Gruppe, die seit 2019 in Hornstein produziert. Nach großem Jobabbau und Werksschließungen möglicherweise eine Jubelmeldung für den Wirtschaftsstandort Hornstein - oder auch nicht.
Die Übernahme wurde mit hohem Besuch gefeiert: Florian Frauscher, Sektionschef im Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft, Wirtschaftslandesrat Leonhard Schneemann, Masaya Saito, CFO von Rohto Pharmaceutical, der Japanische Botschafter Ryuta Mizuuchi und Sigmapharm Geschäftsführer Bernhard Wittmann.
© Sigmapharm/BernhardSteiner, Bernhard Steiner
Dass ausgerechnet von hier aus ein milliardenschwerer japanischer Pharmakonzerns den europäischen Markt erobern will, würde man im Vorbeifahren dem Hornstein Betriebsgebiet eher nicht zutrauen. Warum streckt ein Weltkonzern seine Fühler gerade hier aus? Und was hat das mit der Mondlandung zu tun?
© Gemeinde
© Sigmapharm
Der japanische Pharmakonzern Rohto Pharmaceutical - Marktwert knapp vier Milliarden Euro - übernahm 51 Prozent der Muttergesellschaft der Wiener Sigmapharm-Gruppe. 2019 eröffnete das Unternehmen einen Standort in Hornstein, wohin „im Laufe der Zeit“ die gesamte Produktion aus Wien übersiedeln soll.
Gegründet wurde die Sigmapharm von Herbert J.M. Pichler, der es weniger durch seine Pharmaprodukte zu nationalem Ruhm brachte, sondern durch seine Beteiligung an der Mondlandung - zumindest indirekt. Der Raumfahrtmediziner kommentierte nämlich die Mondlandung live im Fernsehen und kam so zu seinem Spitznamen „Mondpichler“.

© Sigmapharm
In neue Sphären steigt die Sigmapharm nun auch durch den austro-japanischen Millionendeal auf. Dieser soll „die Produktion und den Vertrieb von Arzneien zur Behandlung von Augenerkrankungen in Europa“ stärken, betonen die Unternehmen in einer gemeinsamen Aussendung: „Diese Investition zielt darauf ab, die Produktionskapazitäten und das Vertriebsnetz von Sigmapharm weiter auszubauen und die Präsenz von Rohto Pharmaceutical auf dem europäischen Markt signifikant zu stärken.“
Sigmapharm will „internationaler Player“ werden
Die Kooperation ermöglicht uns, im internationalen Umfeld zu wachsen. Damit sind wir von einem regionalen zu einem internationalen Player im Bereich Arzneimittel und Medizinprodukte für Ophthalmologie aufgestiegen. Sigmapharm-Geschäftsführer Bernhard Wittmann.
Dass das Unternehmen mit neuem Mehrheitseigentümer nach eigenen Angaben nun international mitmischt, ist für Sigmapharm jedenfalls ein Erfolg. Für den Standort Hornstein gibt es zwei mögliche Entwicklungen.
Pro: Mehr Geld für mögliche Investitionen in Hornstein
Einerseits könnte der Standort Hornstein von der Finanzspritze für „Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb“ naheliegenderweise profitieren. Etwa mit einem Ausbau am Firmenstandort in Hornstein, der Schaffung neuer Stellen oder der langfristigen Sicherstellung des wirtschaftlichen Erfolgs.

© Sigmapharm/BernhardSteiner, Bernhard Steiner
In der Marktgemeinde fasst man die Übernahme als positives Signal für den Standort Hornstein auf, wie Bürgermeister Christoph Wolf nach einem Gespräch mit Geschäftsführer Wittmann betont : „Es freut mich, dass es seitens der Sigmapharm Gruppe ein klares Bekenntnis zum Standort in Hornstein gibt. Zukünftige Erweiterungen schaffen auch weitere Arbeitsplätze in der Gemeinde. Aktuell läuft das Genehmigungsverfahren für eine große Photovoltaikanlage.“
Contra: Neue Eigentümer sind kein Garant für die Standortsicherung
Gerade das Beispiel Kludi zeigt aber, dass es auch anders komme könnte. Eine Übernahme und neues Kapital können auch für einen gegenteiligen Spin sorgen. Nach der Übernahme des deutschen Mutterkonzerns durch die RAK Ceramics aus den Vereinigten Arabischen Emiraten baute der Armaturenhersteller Kludi - der bis dahin größte Arbeitgeber im Ort - 80 von 140 Jobs in Hornstein ab.
Darauf folgte auch noch eine weitere Kündigungswelle im Zuge der „Umstrukturierung“. Die Produktion wurde ins Ausland verlagert, in Hornstein blieb ein „Innovationszentrum mit Schauraum“. Im Nachhinein war die Übernahme also eine Hiobsbotschaft für die Angestellten und auch nicht gerade erfreulich für die Hornsteiner Gemeindekassa.
Sigmapharm: „Keine Auslagerung der Produktion ins Ausland“
Freilich: Bei Kludi handelt es sich nicht um ein österreichisches Unternehmern wie bei der Wiener Sigmapharm Gruppe, die seit 2019 in Hornstein produziert. Dass das Unternehmen nach wenigen Jahren die Produktion in Hornsteiner wieder zurückfährt, scheint äußerst unwahrscheinlich. Die Ansiedlung war für die Marktgemeinde ein Erfolg, der auch als Werbung für das Hornsteiner Betriebsgebiet diente.

© Gemeinde
In einem Prospekt zum Baustart 2016 liest man: „Unser Unternehmen verzichtet darauf, Teile der Wertschöpfungskette in Länder mit niedrigem Lohnniveau und möglicherweise auch niedrigerer Qualität auszulagern. Aus diesem Grund haben wir uns auch für den Bau der neuen Produktionsstätte in Hornstein entschieden.“
Die Verbundenheit zur Region über rein wirtschaftliche Interessen hinaus merkt man bei Sigmapharm zudem etwa an Sportsponsorings: mit seinem Nasenspray Coldamaris ist der Pharmakonzern als Hauptsponsor im Namen und auf den Dressen der Kicker des ASV Coldamaris Hornstein und der Superliga-Basketballer von den Coldamaris BBC Nord Dragonz.
Was einem Weltkonzern nutzt, kann dem Standort schaden
Mit Rohto Pharmaceutical hat Sigmapharm in Hornstein nun jedenfalls einen börsennotierten Milliardenkonzern als Haupteigentümer. Bei aller Verbundenheit zur Region muss also klar sein: Profit und wirtschaftlicher Erfolg stehen über dem Wohlergehen des Wirtschaftsstandorts Hornstein.
Nicht nur Textil- (AGFOR) und Armaturenproduzenten (Kludi) wandern Richtung Süd und Ost ab, wenn die wirtschaftliche Situation es notwendig macht oder Aktionäre mit höheren Profitraten wegen niedrigerer Löhne, Lohnnebenkosten und arbeitsrechtlicher Standards liebäugeln. Pharmakonzerne sind hier keine Ausnahme, schon gar nicht börsennotierte Aktiengesellschaften.
„Stärkung des Pharmastandortes“ trotz „stetiger Abwanderung und Auslagerung“
Der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs PHARMIG sieht die Übernahme jedenfalls als „äußerst willkommenen Beitrag zur Stärkung des Pharmastandortes Österreich.“ Alexander Herzog, Generalsekretär der Interessensvertretung der rot-weiß-roten Pharma-Industrie, betont aber auch : „Das ist gerade in unserer Branche so wichtig, weil wir in gewissen Bereichen der Arzneimittelproduktion schon seit langem eine stetige Abwanderung und Auslagerung beobachten.“

© Sigmapharm
Als Grund nennt er den „immerwährenden, starken Preisdruck.“ Dieser erschwere die Produktionsbedingungen in Österreich speziell und Europa generell.
Standort Hornstein nach Werksschließung und Massenentlassung schwer gebeutelt
Erst unlängst war der Wirtschaftsstandort Hornstein nach den Massenkündigungen bei KLUDI erneut mit einer Negativmeldung in den Schlagzeilen: Im Mai schloss der Textilhersteller Saint Gobain AGFORS in Hornstein seine Pforten.
„Ich bedaure die Schließung des Standorts in Hornstein. Wir werden alle Hornsteiner, die sich nun auf Jobsuche begeben müssen, bestmöglich unterstützen, damit sie eine neue Arbeitsstelle in Hornstein finden können“, betonte Bürgermeister Christoph Wolf in Zuge der Schließung.

© Wolfgang Millendorfer
Wolf betont dabei die Bedeutung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit für den Wirtschaftsstandort. Für dessen negative Entwicklung in Hornstein und im Burgenland sieht er die Landesregierung mit in der Verantwortung: „Gerade hier wäre die Landesregierung gefordert, sinnvolle Anreize für nachhaltige Betriebsansiedelungen zu schaffen, statt die Landesgelder für Einkaufstouren zu verwenden.“
Stimmen und Reaktionen
Rohto investiert hier fast 30 Millionen Euro in Forschung, Entwicklung, Produktion und den Vertrieb. Wir freuen uns darauf, gemeinsam innovative Lösungen zu schaffen und von Österreich aus den europäischen Markt zu beliefern. Rohto-Pharmaceutical-Finanzvorstand Masaya Saito.
Wir sind stolz darauf, dass zwei so renommierte Unternehmen künftig noch enger zusammenarbeiten und dabei den Produktionsstandort im Burgenland weiter ausbauen wollen. Die Investitionen in die Produktionsstätte sind ein großer Gewinn und verdeutlichen unsere Attraktivität als Wirtschaftsstandort, schaffen Arbeitsplätze und festigen den Ruf als Innovationsstandort. Wirtschaftslandesrat Leonhard Schneemann
Die Kooperation zwischen Sigmapharm und Rohto und die damit verbundenen Investitionen sind ein wichtiges Signal für den Forschungs- und Produktionsstandort Österreich. Mit einem attraktiven Pharma- und Life Science Ökosystem unterstützen wir die Gesundheit der Menschen, schaffen Arbeitsplätze sowie Wertschöpfung und stärken die Resilienz Europas. Damit werden auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und Österreich weiter ausgebaut.“ Sektionschef Florian Frauscher, Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft.
Unsere Mitgliedsunternehmen geben immer wieder ein klares Bekenntnis zu Österreich ab. Die Politik sollte dies bei der Gestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen anerkennen und es Unternehmen nicht zunehmend schwerer machen, Teil der österreichischen Wertschöpfung zu sein. Ein starker Standort, eine starke Arzneimittelforschung und Produktion sind für uns alle von Vorteil. Alexander Herzog, Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs.
Die ROHTO Pharmaceutical Co., Ltd wurde als „Shintendo Yamada Yasutami Pharmacy" 1899 in Osaka gegründet. Der Pharmakonzern ist international in der Schöheits-, Gesundheits- und Medizinbranche aktiv, mit 7.176 Mitarbeitern weltweit. Der Marktwert des Konzerns beläuft sich auf 3,94 Milliarden Euro, für 2025 wird ein Umsatz von 1,81 Milliarden Euro kalkuliert.
Die Sigmapharm Arzneimittel GmbH wurde 1949 von Prof. Dr. Herbert J.M. Pichler gegründet, vielen als Raumfahrtmediziner und Fernsehkommentator der Mondlandung bekannt, was ihm den Namen „Mondpichler“ eingebracht hat. Das Unternehmen arbeitet später nach eigenen Angaben eng mit der NASA zusammen, Erkenntnisse aus Raumfahrtmedizin, Flugmedizin und Weltraumforschung seien dadurch in die Entwicklung der Sigmapharm-Produkte für den Anwendungsbereich Hals-Nasen-Ohren eingeflossen.
Im September 2016 fand in Hornstein der Spatenstich für den Bau der neuen Produtkoinsstätte für die „aseptische Herstellung steriler flüssiger Produkte als Nasenspray, Rachenspray, Augentropfen oder Vials“ statt, 2019 wurde der Standort in Betrieb genommen.

© Gemeinde

© Sigmapharm