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Zwischen Ungarn, Robin Hood, Monarchie und Faschismus
Wer waren Freischärler?
In dieser Woche dreht sich die Landesgeschichte ausnahmsweise nicht um die Opfer von 1921, sondern die Täter, die Freischärler.
Die Friedrich-Freischärler mit ihren markanten grünen Hüten vor Schloss Esterhazy.
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Zwei Jahre lang versuchte Ungarn, die Alliierten davon abzuhalten, ihnen das Burgenland wegzunehmen. Dennoch war es am 28. August 1921 so weit, die „Landnahme“ des Burgenlandes sollte starten: Reguläre ungarische und österreichische Truppen mussten sich fernhalten, um einen „Bruderkrieg“ zu vermeiden, nur die österreichische Gendarmerie überquerte die alte Grenze an der Leitha und Lafnitz. Was diese nicht wusste, war, dass am Tag zuvor im Hotel Pannonia in Ödenburg ein folgenschweres Treffen stattgefunden hatte. Hier bekamen die „Freischärler“ - pro-ungarische paramilitärische Verbände - sozusagen ihren Marschbefehl. Und dieser sollte über Leichen führen.
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Königstreue und Belletristen als Untergrundkämpfer
Wer zu dieser Zeit im Burgenland, das ja praktisch noch nicht existierte, das Sagen hatte, ist unmöglich zu beantworten. Es gab eine Alliierte Kommission, die sich im Land aufhielt und wie eine Art Polizei den Abzug aller regulären ungarischen Truppen und die Übergabe an Österreich überwachte. Die eigentliche Polizei war ein ungarisches Reservegendarmeriebataillon - eigentlich ein regulärer Kampfverband, aber als Gendarmerie getarnt hatte er sich nicht vollständig aus dem Burgenland abziehen musste. Ihr Kommandant war der hochstdekorierte k.u.k.-Offizier Julius von Ostenburg-Morawek, ein treuer Diener Karl Habsburgs, der zwar als österreichischer Kaiser, nicht aber als ungarischer König abgedankt hatte.

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Seine Verbündeten waren die anderen „Karlisten“, also die königtreuen Kommandanten der pro-ungarischen Freischärler. Dazu gehörte Stefan Friedrich, der seine „Grünhütler“ im Großraum Eisenstadt befehligte, und Viktor von Maderspach, Kommandant der Freischärler im Raum Mattersdorf. Sie waren zwar alle drei nicht zimperlich mit Anhängern der ungarischen Räterepublik 1919 umgegangen, im Burgenland bemühten sie sich dennoch weitgehend um einen korrekten Umgang mit der Bevölkerung.
Starke pro-ungarische Stimmung in Eisenstadt und Mattersburg
In der Bildungsschicht des Großraums Eisenstadt sowie in der kroatischen Volksgruppe war eine pro-ungarische Gesinnung vorherrschend. So predigte Kaplan Anton Hackl den Widerstand gegen die österreichische Gendarmerie von der Kirchenkanzel und in den kroatischen Gemeinden wurden die Friedrich- und Maderspach-Freischärler mit Essen versorgt. Diese zeigten sich erkenntlich, indem sie Dorfbevölkerung vor der anderen, für die überwiegende Mehrheit der Morde verantwortlichen Freischärler - die sich „Lumpengarde“ (Rongyos Gárda) nannte - beschützte.

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Maderspach ließ sogar zwei Lumpengardisten durch den Walbersdorfer Hauptmann der Reserve Paul Gebhardt erschießen, weil diese einen Mattersburger Juden ausgeraubt hatten. In seinen Artikeln - er war ein Hobby-Belletrist - über diese Zeit zog er so über die Lumpengarde her, dass die ungarische Zensur diese zu schönen versuchte.

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In Eisenstadt waren auch deswegen die Sympathien auf Seiten der Freischärler, weil der Kommandant der österreichischen Gendarmerie, Oberinspektor Franz Berger, bei der gescheiterten ersten Landnahme am 28. August 1921 Geiseln nehmen wollte um sie gegen von Freischärlern gefangene Gendarmen einzutauschen. Sogar der Dompfarrer hatte daraufhin die Eisenstädter „deutsch-ungarisch-kroatische“ Freischärlerproklamation des Ortskommandanten Deszö Wein unterschrieben.
Wie später die Nazis: Pál Pronay und Ivan Hejjas
So wie der schöngeistige Maderspach über seinen „Freiheitskampf“ mitschrieb, führte auch der Kommandant Lumpengarde, die alles südlich des Sieggrabener Sattels kontrollierten - ein Tagebuch. Sein Name ist in dieser historischen Serie bereits öfter gefallen: Pál Pronay. Bereits als Jugendlicher kam der Sohn eines nordungarischen Großgrundbesitzers in eine Ödenburger Elite-Schule, die als Anstalt für verhaltensauffällige Kinder der ungarischen Oberschicht galt.

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In einer aus der Zeit gefallenen Husaren-Einheit kämpfte er im Ersten Weltkrieg an der italienischen Front, einer der vielen besonders grausamen Orte des Krieges. Diese Grausamkeit nahm er nach Kriegsende mit im Kampf gegen alles, was jüdisch, demokratisch, republikanisch oder gar kommunistisch war. Seine Brutalität soll der Stoff für Gruselgeschichten gewesen sein, nicht einmal Pfarrer sollen sicher vor ihm gewesen sein. Einen soll er mit Fäusten so lange malträtiert haben, bis das Fleisch in Streifen von seinem Gesicht gehangen habe.
Seiner Lumpengarde gegenüber galt er aber als fast schon väterlicher Anführer, der auch einen teuflischen Kompagnon an seiner Seite hatte: Ivan Hejjas, den Anführer der Neusiedler Freischärler. Er war aus dem gleichen Material wie Pronay geschnitzt, hatte aber internationale Kampferfahrung am Balkan, von wo er auch bosnische und albanische Legionäre rekrutierte. Diese galten im Südburgenland sowie im Bezirk Neusiedl als besonders brutal.
Auch ein Robin Hood unter den Freischärlern?
Ungarische Quellen sprechen den Beiden die Verantwortung für bis zu 400 Morde in dieser Zeit zu, im Burgenland dokumentiert sind mindestens zehn Fälle. Wobei, wie in der Vorwoche zu lesen war, viele Fälle einfach nie dokumentiert wurden.

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Finanzkräftig unterstützt wurden Pronay und Hejjas übrigens vom südburgenländischen Grafen Erdödy. NIcht zuletzt deswegen sind ihre militärischen Erfolge gegen die österreichische Gendarmerie auch die nennenswertesten. In der Herrschaft Erdödy gab es auch Anständige unter den Freischärlern. Diese kamen nicht wie im Nordburgenland aus dem Bürgertum oder Klerus, sondern waren oft einfache Bauern. So schreibt uns ein BVZ-Leser von der Erinnerung seiner Großtante an den Oberdorfer Kommandanten Markus Tuider, der zwar in der Dorfchronik als „Räuber“ und „Unheilstifter“ bezeichnet wird, den seine Großtante aber ganz anders in Erinnerung hat: „Eine Großtante, die damals etwa 8 Jahre alt war und in der Nachbarschaft zu Hause war, hatte ihn sogar persönlich kennengelernt als er ihr eine rote Haarschleife schenkte. Ja, man sagte sogar er wäre sowas wie ein Robin Hood gewesen. Raubte und bestahl jene die sich bereichert hatten und gab es den Armen zurück – so eine Legende.“

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Gut soll es für ihn trotzdem nicht geendet haben: „Mündlich überliefert ist, dass Tuider im Ortsgebiet von Gendarmen aufgestöbert, verfolgt und wenig später in den Kopf geschossen wurde.“
Pronay büßte seine Sünden wesentlich härter: Als führenden Faschisten sperrte die Rote Armee ihn nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Gulag in Sibirien ein. Er sollte die Sonne über der pannonischen Tiefebene, in der er so viel Blut vergossen hatte, nie wieder sehen.
Hier ist nun jeder einzelne Leser und jede einzelne Leserin gefragt. Neben zwei zivilen Opfern aus Wien und zwei aus NÖ, die zur falschen Zeit am falschen burgenländischen Ort waren, wurden 13 Burgenländer ermordet. Sie haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Bitte helfen Sie mit, fragen Sie Eltern und Großeltern, ob jemand Informationen über die Opfer hat und melden Sie sich bei mir:0664/88645524oderm.kaiser@bvz.at.Ich stelle gerne den Kontakt zu den Militärhistorikern her. Hier sind die bekannten biografischen Daten der Opfer:
Der Bindermeister und Gastwirtssohn Ferdinand Schmidt (* 14. 05. 1899, Neudauberg) aus Neudauberg erlitt am 28. August beim Haus Goger, Burgauberg, an einer Straßensperre der Freischärler einen tödlichen Herzschuss.
Der Kreisnotär Josef Illés wurde am 21. Oktober 1887 in Sárvár (bei Szombathely) geboren. Er war der Kreisnotär von Güssing und wurde wegen einer Verwandtschaft mit Karl Renner als vermeintlicher Anschlussbefürworter durch einen Genickschussnahe einer Ziegelei bei Kohfidisch (Bereich um die Mischendorfer Kreuzung) ermordet.
Am 2. September wurde der Bauer Franz Grenauer (* 12. 08. 1896, Aschau, B) aus Aschau/Oberschützen am Weg Bretter zu kaufen in Offenegg in NÖ, also auf österreichischem Boden von Freischärlern vom Rad geschossen. In Gendarmerieakten wird er auch „Grünbauer“ genannt.
Josef Schlögl (* 20. 01. 1894) aus Steinbach wurde am 5. September, beim Kühehüten im Raum Pilgersdorf von Freischärlern durch einen „zufälligen Maschinengewehrschuss“ tödlich verwundet.
Am 7. September wurde der beinamputierte Kriegsheimkehrer Johann Baumgartner jun. (* 13. 11. 1891) aus Salmannsdorf von Freischärlern aus seinem Haus entführt und wegen pro-österreichischer Spionage etwa 150 Meter vom Gasthaus Hollenthonner (heute Kirchschlager Straße 6) in Pilgersdorf an einem Apfelbaum (heute Bereich Ägydiplatz) aufgehängt. 1925 wurde Gustav Lederer in Oberpullendorf verhaftet und der Mittäterschaft am Mord an Baumgartner beschuldigt.
Stephan (István) Baranyai (* 1875), der in der Romasiedlung (heute Gelände des ESV Dobersdorf) lebte, wurde am 14. September 1921 vor Dobersdorf am heutigen Lafnitzweg von Freischärlern mit mehreren Schüssen ermordet. Ein Motiv für das Verbrechen konnte nicht ermittelt werden. Er hinterließ acht unversorgte Kinder.
Am 26. September 1921 wurde Johann Brunner (* 20. 04. 1900) in der Nähe seines Elternhauses in Henndorf Nr. 113 gegen Mitternacht von einem ungarischen Banditen ohne Grund niedergeschossen.
Franz (Ferenc) Pataki (ursprünglich Schnellbach, *30. Juni 1872 in Márkó) war seit 1917 Pfarrer von Pernau (Pornóapáti), zuvor von 1905 bis 1917 Pfarrer in Gerersdorf bei Güssing. Am 16. Oktober wurde die Entführung und Ermordung des als österreichfreundlichen ungarischen Pfarrers bekannt.
Hugo Schindler (* 1903, Gattendorf, B) wurde am 5. Oktober 1921 von Freischärlern aus der Lederfabrik des Leopold Spitzer in Eisenstadt, Unterbergstraße Nr. 16, wo er auch wohnte, entführt. Die Leiche wurde am 1. Dezember im Gemeindegebiet von Schützen etwa in der Mitte der westlichen Tiergartenmauer gefunden.
Am 3. oder 7. Oktober geriet Maria Horvath (geb. Mahal, * 05. 03. 1856, Polzice/CZ) aus Bruckneudorf in einer Schießerei auf dem Gelände des Brucker Lagers zwischen die Fronten, wurde durch einen Bauchschuss schwer verletzt und starb einige Tage später an ihren Verletzungen.
Bei einem Überfall auf den Meierhof Apetlon wurde am 4. März 1922 gegen 02:30 Uhr der 63-jährige Apetloner Nachtwächter Christian Horvath (* 25. 03. 1859) von einer ungarischen Bande, die vom Meierhof „Mexiko“ gekommen war, erschlagen. Horvath hinterließ seine Ehefrau Katharina und sechs Kindern. Das Nachtwächter-Marterl in Apetlon erinnert heute noch an ihn.