Geduld brauchen Verkehrsteilnehmer in den nächsten Wochen: Entlang der Bahnstrecke zwischen Wulkaprodersdorf und Schützen am Gebirge finden Bauarbeiten statt.
Die Schilfschneider vom Neusiedler See - es gibt sie noch!
Reportage
Kaum eine Arbeit neben dem Weinbau ist so typisch pannonisch wie das Schilfschneiden - zumindest war es in der Vergangenheit so. Die BVZ begleitete die Schilfschneider Lang&Fiedler in Mörbisch bei der Ernte und erkundigte sich auch nach dem Stand der Wissenschaft zum Thema Schilfschneiden. Eine überraschende Erkenntnis vorweg: Sowohl die Praktiker als auch die Theoretiker sprechen sich für kontrolliertes Abbrennen aus.
Andreas Lang und seine Schilfschneider-Crew ist derzeit zwischen Rust und Mörbisch im Einsatz.
© BVZ/, Peter Wagentristl
„Wenn man es nicht gern macht, tut man sich das nicht an“, stellt Schilfschneider Andreas Fiedler klar. Mit seinem Kollegen Andreas Lang hat er 2015 den Betrieb gegründet, seit 2016 sind die beiden mit einer umgebauten Pistenraupe von der ungarischen Grenze bis Rust im Schilfgürtel unterwegs. Die Flächen pachten Fiedler und Lang von den Gemeinden Mörbisch und Rust - im Gegensatz zu den 75 Prozent des Sees, die der Esterházy Stiftung gehören, sind diese im Kommunaleigentum. Die Gemeinden profitieren durch die Pacht gleich doppelt: Einerseits wird der Schilfgürtel in ihrem Besitz gepflegt, andererseits freut man sich über Einnahmen.
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Die Rahmenbedingungen für die Schilfernte am Neusiedler See haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Dabei war die Arbeit einst identitätsstiftend und wirtschaftlich relevant. Heute gibt es am Neusiedler See nur noch fünf Betriebe, die sich der fast vergessenen Profession widmen. Genaue Zahlen sind schwer zu finden, dokumentiert ist aber der Rückgang der geschnittenen Fläche von über 20 Hektar um das Jahr 2004 auf teilweise sogar unter 10 Hektar nur fünf Jahre später. „In guten Jahren schneiden wir bestenfalls 15 Prozent der Schilffläche“, berichtet Andreas Lang aus eigener Erfahrung.
Förderungen sind dabei übrigens kaum zu bekommen, „dazu müssten wir 50 Prozent der Fläche schneiden“, erklärt das Duo. Das sei allerdings illusorisch. Und auch die wirtschaftliche Verwertung sei zunehmend eingebrochen. Aus Brandschutzgründen wird Schilf nicht mehr zum Dachdecken verwendet, das Schilf vom Neusiedler See wird fast ausnahmslos nach Großbritannien, Deutschland oder in die Niederlande transportiert. Der Export bringt dabei natürlich noch zusätzlichen Aufwand für die Schilfschneider mit sich.
Schilfernten ist kein Zuckerschlecken
Der ganze Prozess ist dabei überaus arbeitsintensiv. Zuerst müssen die Maschinen in Eigenregie gebastelt werden. Beim BVZ-Lokalaugenschein sind die Schilfschneider mit einer umgebauten Pistenraupe mit über 50 Jahre altem Sechs-Zylinder-Motor unterwegs. Schilferntemaschinen gibt es nicht von der Stange, da es sich um ein Nischenprodukt handelt. Das bringt natürlich reichlich Probleme mit sich: „Dauernd ist etwas hin und muss repariert werden.“ Erlaubt ist die Schilfernte aus Naturschutzgründen nur von 15. September bis 15. März.

© BVZ/, Peter Wagentristl
Bei der Ernte selbst sind die Schilfschneider zu fünft unterwegs: Der Chef fährt, zwei Mitarbeiter nehmen die Schilfballen aus der Schneidemaschine, zwei stapeln sie auf der Ladefläche. So wird durch den trockenen Schilfgürtel und die ein oder andere Gatschlacke gefahren, bis die Ladefläche voll ist.
„Burgenländisches Schilf ist gefragt“ - nur nicht in Österreich
Das Schilf wird dann abgeladen, geputzt und zu Kegeln geschlichtet. Für den Export wird es dann in Ballen gepresst und per LKW von Mörbisch Richtung Norden exportiert.
In Österreich gibt es kaum Bedarf nach heimischem Schilf. Dabei wäre es - wenn es schon nicht mehr für Dächer verwendet werden darf- weiterhin ein optimales Dämmmaterial mit einer hervorragenden Umweltbilanz. „Natürlich wäre es viel gescheiter, mit Schilf zu dämmen als mit Kunststoff. Aber für die Verarbeitung bräuchte es teures Gerät, um das Schilf zu Matten zu pressen“, erklärt Fiedler. In Rust habe es früher eine solche Maschine gegeben. Aber sogar gebraucht wäre diese unerschwinglich teuer gewesen. Und ob das Dämmmaterial dann (zu wirtschaftlich sinnvollen Preisen) gekauft worden wäre, steht auch nicht fest.
Chinesische Importe drücken den Preis
Wenn dann doch einmal in der Region mit Schilf gebaut wird, greift man in der Regel auf chinesisches Schilf zurück. Dort funktioniert die Produktion industriell: „Aus China kommen riesige Schiffe mit je einer Million Ballen Schilf an. Zum Vergleich: Wir produzieren etwa 60.000 solche Ballen. Mit den Preisen für chinesisches Schilf können wir unmöglich konkurrieren.“ Für die Umweltbilanz ist der Import um die halbe Welt natürlich kontraproduktiv, aber was gekauft wird, entscheidet sich in erster Linie nach dem Preis. Qualitativ sei aber das rot-goldene Schilf deutlich hochwertiger.

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Zumindest wenn die Fläche regelmäßig bewirtschaftet wird. „Mit Totschilf können wir nichts anfangen, das nimmt uns niemand ab. Mit jedem Jahr, in dem das Schilf geschnitten wird, wächst es gesünder nach und kann daher teurer verkauft werden.“ Passiert länger nichts, dauert es mehrere Jahre, bis das Schilf wieder zu vernünftigen Preisen gehandelt werden kann. Unverkäufliches Schilf zu ernten sei dagegen ein Jammer: viel Arbeit, kein Gewinn.
Appell für kontrolliertes Abbrennen
Auch wenn es die Schilfschneider nicht gerade leicht haben und ihnen Wirtschaft und Förderlandschaft die Arbeit auch nicht einfacher machen: Die Bewirtschaftung des Schilfgürtels ist für die Natur von großem Wert. Das tote Schilf „säuft“ enorm viel Wasser und bindet, im Gegensatz zu einem gesunden Schilfgürtel, kein CO2 und gibt keinen Sauerstoff ab. Auch für die Vogelwelt ist altes, brüchiges Schilf uninteressant. „Im Totschilf habe ich noch nie Vögel gesehen“, deckt sich Fiedlers Wahrnehmung mit den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Studie der Naturschutzorganisationen WWF und BirdLife aus dem Jahr 2022.
Wie viele andere, die am oder vom See leben, plädieren Fiedler und Lang für kontrolliertes Abbrennen des Altschilfs. „Was Besseres kann dem See nicht passieren“ - sofern es außerhalb der Brutzeit der heimischen Vögel gemacht wird.

© BVZ/, Peter Wagentristl
Auch WWF, BirdLife oder Nationalparkdirektor Hannes Ehrenfelder sprechen sich für ein kontrolliertes Abbrennen aus - wenn auch mit Vorbehalten. Aus dem Büro von Landesrat Heinrich Dorner hieß es dazu im Vorjahr auf BVZ-Anfrage neben grundsätzlich positiver Beurteilung: „Vergessen darf man nämlich nicht, dass das Spiel mit dem Feuer nicht ganz ungefährlich ist und ebenfalls zahlreiche technische Vorbereitungsarbeiten benötigen würde (z.B. Errichtung von Brandabschnitten mit entsprechenden Brandschneisen).“
Das kontrollierte Abbrennen von Schilf im Winter wäre eine mögliche schonende Alternative, um die Akkumulation von altem Schilf zu vermindern. Wie effektiv das sein kann, müsste erst gezeigt werden. Studie im Auftrag von WWF und BirdLife (2022)
Kontrolliert und mit Maß und Ziel scheint also dem Abbrennen nichts im Wege zu stehen - außer dem Luftreinhaltegesetz. Beim Abbrennen würden die Emissionen nämlich deutlich die Grenzwerte übersteigen, weshalb das Umweltministerium hier einen Strich durch die Rechnung macht.
Update 11. Jänner: Bei einer Pressekonferenz im Rahmen einer Brandschutzübung im Schilfgürtel bei Jois betonte Umweltministerin Leonore Gewessler, dass das Abbrennen von Schilf nur als "allerletztes Mittel" in Erwägung gezogen werde. Die negativen Auswirkungen auf Klima, Ökologie und Luftqualität müsse man den positiven Aspekten gegenüberstellen.
Unbefriedigender Status quo
Die regelmäßige Bewirtschaftung seit 2016 hat die Qualität des Schilfgürtels bei Mörbisch jedenfalls deutlich verbessert, nachdem dort zuvor jahrelang nicht geschnitten wurde. Dennoch: „Nirgends ist das Schilf so schön wie dort, wo es gebrannt hat“, so Fiedler und Lang - beide übrigens auch bei der Feuerwehr aktiv. Dem Urteil der Experten für Schilf und Brände kann man also durchaus vertrauen. Aber auch für Laien ist der Unterschied zwischen altem, im Vorjahr geschnittenen und im Vorjahr abgebrannten Schilf deutlich erkennbar.

© BVZ/, Peter Wagentristl
Die Alternative zum Abbrennen ist jedenfalls für alle Seiten unerfreulich. In der erwähnten Studie „Entwicklung nachhaltiger Schilferntetechniken und Monitoring Schilfgürtel Neusiedler See“ heißt es dazu: „Seit dem Verbot des Abbrennens von Schilfgebieten ist das ,Plätten', d. h. das Niederwalzen von alten Schilfgebieten die Methode, um Gebiete mit mehr als einjährigem Schilf für das nächste Jahr zum Schnitt vorzubereiten. Diese Praxis führt zu einer Verdichtung des Bodens, fördert somit die Verlandung und der Schilfbewuchs erscheint zumindest im nächsten Jahr sehr schütter und weniger für Schilfvögel geeignet.“
Die Schilfschneider haben damit ebensowenig Freude. Der Status quo ist also für kaum jemanden befriedigend - Handlungsbedarf scheint definitiv gegeben.
Für deutliche Verbesserung sorgte neben dem Großbrand im vergangenen März - bei dem die Fiedler und Lang übrigens mit ihrer Schilfschneidemaschine zum Löscheinsatz ausrückten - auch das verregnete Jahr 2023.
Die heurige Schilfernte dürfte deshalb deutlich besser ausfallen. Eher schlecht wäre für das Schilf dagegen nasser Schnee und langer Starkwind. Beides kann dazu führen, dass das Schilf schief wächst und dann auch schwieriger verwertbar ist.
Land als Konkurrenz oder Förderer?
Dass das Land nun selbst ins Schilfschneide-Gewerbe einsteigt, nehmen die Mörbischer gelassen. Als Konkurrenz sehe man die Seemanagement GmbH nicht, mit Geschäftsführer Erich Gebhardt habe man ein gutes Verhältnis, der Seemanager war auch schon beim Schilfschneider-Duo zu Besuch.
Das Land will künftig auch mit der Forschung Burgenland vermehrt die wirtschaftliche Verwertung von Schlamm und Schilf erforschen - davon könnten in weiterer Folge auch die privaten Betriebe profitieren. Aber das ist freilich noch Zukunftsmusik.